Predigt: Matthäus 27,31 – 66

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Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

(27,46)

In der letzten Woche haben wir gesehen, wie Jesus von Pilatus verhört und schließlich zum Tod verurteilt wurde. Unser heutiger Text berichtet darüber, wie Jesus dann am selben Tag gekreuzigt wurde. Dabei beschreibt der Verfasser in knapper, nüchterner Form nur die Tatsachen. Er berichtet von den wenigen Worten Jesu am Kreuz nur das eine, als er im schlimmsten Moment seiner Leiden laut schrie: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Möge Gott uns helfen, die Tatsachen von Jesu Leiden und Sterben am Kreuz neu zu begreifen und ihre Bedeutung für uns neu zu erkennen!

I.Jesu Kreuzigung und Tod (31-56)

Betrachten wir den Text. Vers 31 sagt: „Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen.“ Jesus war von Pilatus zur Geißelung ausgehändigt und zur Kreuzigung verurteilt worden. Man sagt, dass ein einziger Geißelhieb oft so starke Verletzungen verursachte, dass ein Mann das Bewusstsein verlor. Nach der Geißelung hatten die Soldaten Jesus verspottet, ihm eine Krone aus Dornen aufgesetzt und ihm mit einem Rohrstab auf den Kopf geschlagen. Danach führten sie ihn ab, um ihn zu kreuzigen. Ein zur Kreuzigung Verurteilter musste sein Kreuz selbst zur Hinrichtungsstätte tragen. Nach Berechnungen war das Kreuz etwa 70 Kilogramm schwer. Jesus musste das schwere Kreuz auf seinen von den Geißelhieben aufgerissenen Rücken legen und musste es zur Stadt hinaustragen.

Betrachten wir Vers 32: „Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug.“ Als Jesus das Kreuz auf sich nehmen musste, war er bereits völlig erschöpft und schwer verwundet. Denn Jesus hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, sondern war an verschiedene Orte geschleppt und dort verhört und geschlagen und gegeißelt worden. Die Tatsache, dass die harten römischen Soldaten einen Passanten zwangen, Jesu Kreuz zu tragen, zeigt, dass es unterwegs für alle offensichtlich wurde, dass Jesus völlig außerstande war, das Kreuz selbst weiter zu tragen; Jesus muss mehrmals unter dem Kreuz zusammengebrochen sein. Der Passant namens Simon war vermutlich ein Pilger, der aus Kyrene (einer großen Stadt im heutigen Libyen) zum Passafest nach Jerusalem gekommen war. Er wurde völlig unerwartet in das Leiden Jesu involviert und konnte ihn in seinem Leiden aus nächster Nähe beobachten. Diese Teilnahme an Jesu Leiden blieb nicht ohne Konsequenzen in seinem Leben. Im Markusevangelium wird er als der Vater des Alexander und Rufus vorgestellt (Mk 15,21), was darauf hinweist, dass seine Söhne später namhafte Gläubige in der frühen christlichen Gemeinde wurden. Offenbar kam Simon also durch die Teilnahme an Jesu Leiden zum persönlichen Glauben an Jesus.

Betrachten wir die Verse 33 und 34: „Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.“ Endlich kamen sie an der Hinrichtungsstätte außerhalb Jerusalems an, die den furchterregenden Namen „Golgatha“ bzw. „Schädelstätte“ trug. Dort boten ihm die Soldaten ein Getränk mit leicht betäubender Wirkung an. Doch Jesus wollte es nicht trinken. Jesus wollte die Leiden, die er nach dem Willen Gottes tragen sollte, bei vollem Bewusstein und in vollem Maße tragen.

Was passierte dann an der Hinrichtungsstätte? Betrachten wir weiter den Text. Vers 35a sagt: Als sie ihn aber gekreuzigt hatten …“ Der Verfasser erwähnt den Vorgang der Kreuzigung selbst nur in diesem kurzen Nebensatz. Er wagte nicht, den Vorgang von Jesu Kreuzigung zu beschreiben, wohl weil es zu grausam und schlicht unbeschreiblich war. Wie wir wissen, war die Kreuzigung die qualvollste Hinrichtungsmethode jener Zeit, weil sie unerträgliche Schmerzen mit einer sehr langen Leidensdauer verband. Dazu wurde der Verurteilte zunächst ausgezogen und auf das am Boden liegende Kreuz gelegt. Dann wurden lange Nägel durch seine Hände und ein besonders langer Nagel durch die übereinander gelegten Füße in das Holz geschlagen. Dann wurde das Kreuz aufgerichtet und in den Sockel gestellt. Von da an hing der Gekreuzigte mit seinem ganzen Körpergewicht an den drei Nägeln. Die Hängelage verursachte Atemnot, da jeder Atemzug durch das Abstützen auf die Nägel in den Wunden unerträgliche Schmerzen verursachte. Die Wunden verursachten außerdem Infektionen im Körper und Fieber, und der ständige Blutverlust quälenden Durst. Stundenlang musste Jesus unter solchen Qualen am Kreuz mit dem Tod ringen.

Was taten die Soldaten unten am Kreuz Jesu? Vers 35b sagt „… verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.“ Die Soldaten ignorierten Jesus völlig, der oben am Kreuz hing und mit dem Tode rang. Sie interessierten sich nur für einen kleinen materiellen Gewinn, den die Kleider Jesu für sie darstellten. Sie sind ein Bild der gefallenen Menschen, die von Habgier getrieben sind und keinen echten Respekt geschweige denn Liebe zu anderen Menschen haben.

Betrachten wir auch Vers 37: „Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.“ Das Schild oben am Kreuz sollte eigentlich das Verbrechen angeben, wegen dem der Gekreuzigte verurteilt war. Aber das Schild, das man an Jesu Kreuz anbrachte, sagte, dass er der König der Juden war. Dadurch wurde zum einen Jesu Unschuld bezeugt. Das Schild bezeugte auch, dass hier tatsächlich Jesus Christus am Kreuz starb, den viele vom Sehen kannten und es verifizieren konnten. Zum anderen bezeugte das Schild allen Menschen aller Zeiten, dass Jesus, der hier am Kreuz starb, der König der Juden ist. Jesus ist der wahre König, den Gott als Messias verheißen hat, der nun am Kreuz starb, um Gottes Willen für ihn zu erfüllen.

Betrachten wir Vers 38. Jesus wurde nicht allein gekreuzigt, sondern mit ihm zwei Räuber, und zwar rechts und links neben Jesus. Dadurch, dass man mit Jesus zwei Schwerverbrecher hinrichtete und Jesus in der Mitte von ihnen, wollte man zeigen, dass Jesus ein schlimmerer Verbrecher wäre, und wollte die Schande über ihn noch vergrößern. Doch auch diese demütigende Aktion wurde Gottes Prophezeiung in Jesaja 53 erfüllt, wo über den Messias vorausgesagt ist: „Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten“ (Jes 53,12). Obwohl die Juden und Pilatus bei der Kreuzigung nach ihren eigenen bösen Wünschen und Gedanken handelten, erfüllten sich also Gottes Ratschluss und sein Wort.

Obwohl Jesus durch die öffentliche Kreuzigung schon die größte Schande widerfuhr, wurde er zusätzlich von den vorübergehenden Menschen verspottet. Betrachten wir die Verse 39-43: „Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.“ Jesus wurde von dem Volk, das vorüberging, hämisch verspottet und von den religiösen Leitern verhöhnt. Sie verhöhnten ihn damit, dass Jesus sich selbst nicht half, und schlussfolgerten daraus, dass Jesus keine Macht dazu hatte. Ihr Spott enthält einiges an Wahrheit. Sie wussten und bezeugten, dass Jesus andern geholfen hatte. Es stimmte auch, dass Jesus sich nicht selbst half. Doch Jesus tat das nicht, weil er keine Macht dazu hatte, sondern er verzichtete freiwillig darauf, sich selbst zu helfen, um uns Menschen zu helfen. Die religiösen Leiter wollten sich selbst helfen, sie waren stets auf ihr Ansehen und ihre Position in der Gesellschaft bedacht und strebten danach, sie zu erhalten. Sie wollten sich auch vor Gott selbst helfen und wollten sich durch ihre eigenen Anstrgenungen und Bemühungen selbst gerecht machen. Aber sie scheiterten dabei völlig und wurden zu scheinheiligen, unbarmherzigen Menschen, die aus Neid und Hass den Sohn Gottes töteten. Jeder Mensch hat die Neigung, sich selbst helfen in seinem Leben, sein Leben aufzubauen und zu erhalten, nicht nur in praktischer und zwischenmenschlicher Hinsicht, sondern auch vor Gott. Doch wie das Beispiel der Juden zeigt, führt die Bemühung sich selbst zu retten, geistlich gerade zum Tod. Dagegen half sich Jesus selbst nicht, sondern gab sich am Kreuz selbst hin, damit wir gerettet würden.

Hier finden wir die Antwort auf die Frage, die sich uns aufdrängt, wenn wir versuchen, uns Jesu Leiden am Kreuz vorzustellen, nämlich die Frage, warum Jesus all die Qualen am Kreuz erdulden musste. Wir finden die Antwort in dem prophetischen Wort über den Messias in Jesaja 53, wo es heißt: „Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn“ (Jes 53,4-6). Jesus war völlig ohne Schuld. Aber er wurde wegen unserer Missetat am Kreuz verwundet, also wegen unserer Abtrünnigkeit von Gott, wegen unserem Streben, unser Leben ohne Gott jenseits seiner Herrschaft nach unseren eigenen Gedanken und Wünschen zu führen. Jesus wurde gerade wegen unserer Sünde am Kreuz zerschlagen. Am Kreuz Jesu können wir also erkennen, wie schlimm unsre Sünde ist. Die meisten Menschen beurteilen die Sünde nach ihrem eigenen Gefühl und Gewissen und nach der jeweils vorherrschenden Moral. Wie leicht verharmlosen auch wir dadurch unsere Sünde, insbesondere geistliche Sünde wie Unglaube, Ungehorsam, die nicht so offensichtlich sind wie moralische Sünden. Aber wenn wir darauf sehen, wie Jesus am Kreuz litt, sehen wir, wie schlimm unsere Sünde ist, wie völlig inakzeptabel, und welche furchtbare Folgen die Sünde nach sich zieht. Aber Jesus wurde am Kreuz wegen unserer Abtrünnigkeit und wegen unserer Sünde verwundet und zerschlagen. Jesus hat die Strafe für unsere Sünde bezahlt, damit wir Frieden mit Gott haben und geistliche und seeli­sche Heilung erfahren können. Am Kreuz hat uns Jesus erlöst!

Betrachten wir Vers 45: „Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ Zur sechsten Stunde, also um zwölf Uhr mittags, hing Jesus schon drei Stunden lang am Kreuz. In dieser Zeit, in der es normalerweise am Tag am hellsten ist, kam drei Stunden lang eine Finsternis über das ganze Land. Wissenschaftler, die über dieses Ererignis geforscht haben, berichten, dass es sich dabei unmöglich um ein natürliches Phänomen wie etwa eine Sonnenfinsternis gehandelt haben kann (eine Sonnenfinsternis dauert maximal acht Minuten, die hier erwähnte Finsternis dauerte etwa 22-mal so lang). Wieso kam es an jenem Tag zu dieser Finsternis? Als Gottes Sohn am Kreuz starb, hüllte Gott das ganze Land in Finsternis. Die Finsternis ist ein Ausdruck von Gottes Traurigkeit über den Tod seines geliebten Sohnes. Sie markiert den dunkelsten Moment in der ganzen Geschichte, als die ungerechten Menschen den von Gott gesandten Sohn völlig verwarfen und den einzigen Gerechten töteten. Es veranschaulicht die Zeit, in der die Gerechtigkeit von der Ungerechtigkeit scheinbar besiegt wurde, die Liebe vom Hass, die Wahrheit von der Lüge, das Licht von der Finsternis.

Lesen wir gemeinsam den Vers 46: „Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es war um die neunte Stunde, also um 15 Uhr. Bis dahin hatte Jesus alle Qualen an seinem ganzen Leib und alle Verspottungen schweigend ertragen, um den Willen Gottes zu erfüllen, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und seinen Mund nicht auftut. Aber um die neunte Stunde schrie Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus schrie laut, weil Gott ihn verlassen hatte.

Kein Mensch ist auf der Erde je von Gott wirklich verlassen worden. Zwar wenden sich viele Menschen von Gott ab wie Kain, der sein Leben ohne Gott führen wollte. Aber trotzdem verlässt Gott sie deswegen nicht. Gott liebt selbst die schlimmsten Sünder und erhält ihnen das Leben und verschiedenen Segen, damit sie zu ihm umkehren mögen. Wie Jesus gesagt hat, lässt Gott die Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte (Mt 6,45b). Nach der Apostelgeschichte 17 ist Gott keinem Menschen fern, sondern in ihm leben, weben und sind wir (Apg 17,27.28a). Jesus war Gott stets in ganz besonderer Weise nahe. Denn Jesus war schon im Anfang bei Gott, und auch, als er als Mensch auf die Erde kam, lebte in Gemeinschaft mit ihm, sodass Jesus sagen konnte: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Aber als Jesus am Kreuz unsere Sünde stellvertretend auf sich nahm und die Sünde der ganzen Welt trug, konnte der heilige Gott keine Gemeinschaft mehr mit ihm haben; Gott musste seine schützende, segnende Hand von ihm abziehen und ihn verlassen. Jesus hatte alle körperlichen Qualen am Kreuz schweigend erduldet. Aber er konnte es nicht aushalten, von Gott verlassen zu werden, sondern schrie laut: „Warum?“ Jesus fragte Gott das nicht, weil er den Grund dafür nicht kannte. Jesus schrie laut, warum Gott ihn verlassen hatte, weil er es nicht ertragen konnte. Niemand kann es ertragen, von Gott verlassen zu werden. Gott ist die Quelle des Lichts, des Lebens und allen Segens. Von Gott völlig verlassen zu werden, hat deshalb unweigerlich das Ende des Lebens und die Finsternis und den Tod in Ewigkeit zur Folge. Das ist die Folge von unserer Sünde, die wir eigentlich selbst zu tragen hätten. Wegen unserer Abtrünnigkeit von Gott und Sünde müssten wir eigentlich von Gott verlassen werden. Aber Dank sei Gott, der aus seiner Liebe unsere Sünde auf Jesus gelegt und ihn verlassen hat, damit wir nicht von ihm verlassen werden müssen, sondern ewig bei ihm leben können.

Betrachten wir die Verse 47-49. Jesu Schrei wurde von den Menschen, die am Kreuz standen, nicht verstanden. Einige meinten, Jesus rufe nach Elia. Während einer einen Schwamm mit Essig tränkte und ihn auf ein Rohr steckte, um Jesus zu trinken zu geben, sagten die anderen spöttisch: „Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!“ Selbst im allerdunkelsten Moment musste Jesus musste Jesus Unverständnis und Spott erdulden. Jesus war am Kreuz wirklich von Gott und von Menschen verlassen.

Wie starb Jesus? Vers 50 sagt: „Aber Jesus abermals schrie laut und verschied.“ Jesus schrie noch einmal laut und starb dann. Nach dem Bericht von Lukas war das letzte Wort Jesu am Kreuz seine Bitte war: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“ (Lk 23,46). Jesus starb im Glauben und völligen Vertrauen auf den Vater. Jesus starb an unsrer Stelle, damit wir geheilt werden und Frieden haben können.

Welche besonderen Ereignisse passierten, als Jesus starb? Vers 51 berichtet: „Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.“ Der Vorhang im Tempel trennte den allerheiligsten Bereich ab, in dem die Bundeslade und der Gnadenthron waren. Während im Tempel selbst wenigstens die Priester eintreten und dort arbeiten durften, durften diesen allerheiligsten Bereich hinter dem Vorhang selbst die Priester nicht betreten. Selbst der Hohepriester durfte diesen Bereich nicht betreten. Nur einmal im Jahr durfte der Hohepriester hinter den Vorhang treten, nachdem er sich selbst durch Opfer gereinigt hatte, um Gott für das Volk um Vergebung der unwissend begangenen Sünden zu bitten. Der Vorhang im Tempel symbolisierte somit die absolute und unüberwindbare Grenze, die zwischen dem heiligen Gott und uns sündigen Menschen besteht. Dass dieser Vorhang nun von oben bis unten zerriss, als Jesus am Kreuz starb, zeigt anschaulich, dass durch Jesu Tod die Trennung zwischen Gott und den Menschen aufgehoben ist und wir frei zu Gott kommen dürfen. So heißt es auch in der Stelle Hebr 10,19-20: „Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes …“ Indem Jesus sich selbst am Kreuz geopfert und sein reines Blut für uns vergossen hat, hat er für uns einen neuen Weg zu Gott geöffnet, auf dem wir zu ihm kommen können, wie wir sind, und von ihm unsre Sünden vergeben bekommen. Preis sei Jesus dafür!

Welches weitere Ereignis passierte, als Jesu am Kreuz starb? Betrachten wir die Verse 52-53: „Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.“ Als Jesus starb, gab es ein gewaltiges Erdbeben, bei dem die Felsen zerrissen. Aber es war weit mehr als nur ein natürliches Phänomen. Denn die Gräber taten sich dabei auf und viele Verstorbene, die im Glauben entschlafen waren, standen auf und erschienen nach Jesu Auferstehung vielen in Jerusalem. Gott demonstrierte durch das Zerreißen des Vorhangs und durch die Auferstehung vieler Gläubiger die Bedeutung von Jesu Tod für uns Menschen. Durch Jesu stellvertretenden Tod am Kreuz wurde die Macht des Todes über uns Menschen und sein Anspruch auf uns wegen unsrer Sünde überwunden und so wurde für uns der Sieg über den Tod durch die Auferstehung möglich.

Was sagte der Hauptmann, der die Kreuzigung Jesu überwachte? Betrachten wir Verse 54: „Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ Der Hauptmann war ein Römer und damit ein Heide. Er hatte die ganze Kreuzigung beaufsichtigt und daher sechs Stunden lang gesehen, wie Jesus sich am Kreuz verhalten hatte, wie er alle Leiden schweigend erduldet und was er gesagt hatte. Seine Beobachtung und die Erfahrung des Erdbebens genau in dem Moment, als Jesus starb, führten ihn zu der Erkenntnis, dass Jesus Gottes Sohn gewesen ist. Er wurde der erste Mensch, der durch das Schauen auf das Kreuz zur Erkenntnis Jesu und zum Glauben an ihn kam.

Die Verse 55 und 56 berichten von vielen Frauen, die Jesu Kreuzigung und Tod von ferne beobachteten. Sie waren Jesus schon aus Galiläa nachgefolgt und waren anders als die Jünger bis zu seinem Tod am Kreuz in seiner Nähe geblieben. Ihr Verhalten zeigt ihre Treue zu Jesus, den sie bis zum Tod und darüber hinaus liebten. So haben sie Jesus Ehre gegeben, der für ihre und unsere Sünde gestorben ist.

II. Jesu Grablegung (57-66)

Dieser Abschnitt berichtet über Jesu Begräbnis und über die Bewachung seines Grabs durch römische Soldaten. Nachdem Jesus gestorben war, ging ein reicher Mann namens Josef aus Arimathäa zu Pilatus ging und bat ihn um den Leichnam Jesu. Offenbar hatte Josef, der nach dem Bericht des Markusevangeliums ein Oberer, also ein Mitglied des Hohen Rats, war, durch Jesu Tod den Mut gefasst, sich öffentlich als ein Jünger Jesu zu outen und für ihn einzusetzen.

Er legte den Leib Jesu in sein eigenes neues Grab und wälzte einen großen Stein vor dessen Tür. Dadurch wurde die Prophezeiung in Jesaja 53,9 erfüllt, wo es heißt: „Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.“ Zwei der Frauen beobachteten auch, wie Jesus begraben wurden. Wegen ihrer treuen Liebe zu Jesus wussten sie, wo er begraben war, und konnte so zwei Tage später die ersten Zeuginnen der Auferstehung werden.

Mit welchem Anliegen kamen am nächsten Tag die religiösen Leiter zu Pilatus? Betrachten wir die Verse 62-64: „Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, kamen die Hohenpriester mit den Pharisäern zu Pilatus und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste.“ Hier zeigen sich die geistlichen Leiter der Juden erstaunlich gut informiert. Sie wussten, dass Jesus seine Aufesrsteung am dritten Tag angekündigt hatte. Doch anstatt aufgrund dessen an Jesus zu glauben, setzten sie alle ihre Energie dafür ein, Jesus und den Glauben an ihn auf der Erde auszulöschen. Aus ihrer Angst davor, dass Jesu Jünger kommen und seinen Leichnam stehlen und dann behaupten könnten, er sei auferstanden, trieb sie dazu, Pilatus darum zu bitten, dass er Jesu Grab durch Soldaten bewachen würde. Pilatus willigte ein und befahl die Bewachung des Grabs durch eine römische Wache, die gewöhnlich 16 Mann betrug. Hier treten die religiösen Leiter der Juden und die Römer als zwei einflussreiche Gruppen auf, die darin zusammenarbeiteten, den Glauben an Jesus zu verhindern. Doch in Wirklichkeit konnten sie ihr Ziel nicht erreichen. Vielmehr lieferten sie durch die Bewachung von Jesu Grab zwei Tage später einen zusätzlichen Beweis dafür, dass Jesus nicht etwa gestohlen worden sein kann, sondern wirklich wirklich von den Toten auferstanden ist.

Lesen wir zum Schluss das Leitwort, Vers 46: „Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Danken wir Gott, dass er Jesus, seinen Sohn, hingegeben und am Kreuz verlassen hat, damit wir nicht von ihm verlassen werden müssen, sondern Frieden mit Gott haben und ewig leben können! Möge Gott uns helfen, täglich auf Jesus am Kreuz zu schauen und aus diesem Glauben heraus zu leben!

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