Predigt: Matthäus 26,1 – 16

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Die Salbung in Betanien

„Dass sie das Öl auf meinen Leib gegossen hat, das hat sie für mein Begräbnis getan. Wahrlich, ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“

(26,12.13)

Mit dem heutigen Text beginnen wir, uns mit dem Kern des Evangeliums zu befassen, nämlich dem Leiden, dem Tod und der Auferstehung Jesu. Am Anfang dieses Abschnittes steht die schöne Glaubenstat einer Frau, die Jesus uns als Vorbild der Dankbarkeit, Liebe und Hingabe hinstellt.

Die Verse 1 und 2 helfen uns, den Text, den wir heute betrachten wollen, zeitlich einzuordnen.

1 Und es begab sich, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte, dass er zu seinen Jüngern sprach:

2 Ihr wisst, dass in zwei Tagen Passa ist; und der Menschensohn wird überantwortet werden, dass er gekreuzigt werde.

Wir befinden uns in der Mitte der letzten Lebenswoche Jesu auf Erden. Jesus hatte die letzte seiner großen, im Matthäusevangelium überlieferten Reden, nämlich die Rede über die Endzeit, vollendet. Zwei Tage später sollte das Passafest beginnen. Nach unserer Wocheneinteilung war es Mittwoch.

Das Passafest war das größte Fest im jüdischen Jahreskreis. Gott hatte den Israeliten geboten, dieses Fest jährlich zu feiern, um die Erinnerung frisch und lebendig zu halten, dass Gott sie aus der Sklaverei in Ägypten erlöst hatte, um sie zu seinem eigenen Volk zu machen. Das Passafest in jenem Jahr würde aber eine ganz besondere Bedeutung haben. Nach Gottes Plan sollte an diesem Passafest Jesus als das wahre Passalamm die Sünde der Welt am Kreuz sühnen und so die ganze Menschheit von der Macht der Sünde erlösen.

Wie muss die Atmosphäre in der Stadt gewesen sein? In dieser Festwoche strömten unzählige Pilger aus dem In- und Ausland, Loblieder singend, in die Stadt. Von Freude erfüllt zogen sie zum Tempel, wo sie von den Priestern ihr Passalamm schlachten lassen würden, das sie gemeinsam mit ihren Verwandten und Freunden verzehren würden.

Doch was geschah hinter den Kulissen? In den Versen 3und 4 heißt es:

3 Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas,

4 und hielten Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten.

Die Hohenpriester und Ältesten hassten Jesus. Er war ihnen unbequem, weil er ihnen immer wieder den Spiegel vorhielt und ihnen ihre geistliche Verdorbenheit und Heuchelei deutlich machte. Längst hatten sie beschlossen, ihn zu ergreifen und zu töten (Mt 21,46).

Anstatt in dieser festlichen Zeit die Freude des Volkes zu teilen und das Passafest vorzubereiten, versammelten sie sich im hohepriesterlichen Palast, um zu beraten, wie sie Jesus loswerden könnten.

5 Sie sprachen aber: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr gebe im Volk.

Sie wussten, dass sie das Volk nicht hinter sich hatten. So überlegten sie sich, dass es besser wäre, zu warten, bis die unzähligen Pilger die Stadt wieder verlassen hätten und es ruhiger geworden wäre. Dann wollten sie Jesus unauffällig und vom Volk unbemerkt beseitigen. Doch ihr Gedanke entsprach nicht dem Zeitplan Gottes, der wollte, dass Jesus gerade am Passafest sein Leben zum Opfer für die Erlösung der Welt geben sollte.

Dass der Lauf der Ereignisse sich tatsächlich beschleunigte und es schneller zur Festnahme Jesu kam, als die Hohenpriester und Ältesten sich ausgedacht hatten, lag nicht zuletzt an der Bereitwilligkeit von Judas, Jesus zu verraten.

In den Versen 14-16 lesen wir:

14 Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskariot, hin zu den Hohenpriestern

15 und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge.

16 Und von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn verriete.

Judas war von Jesus auserwählt worden und gehörte zum engsten Kreis der Zwölf. Er hatte so viel Unterweisung und Liebe von Jesus empfangen, ganz wie die anderen Jünger auch. Es wäre verständlicher, wenn die Hohenpriester zu ihm gekommen und ihn mit Geld versucht hätten. Doch erschreckenderweise ging er aus eigener Initiative zu den Hohenpriestern und verkaufte Jesus für 30 Silberlinge, die etwa 120 Tageslöhnen entsprechen. Wie tragisch und traurig ist es, dass er Jesus so gering achtete und ihn so billig verkaufte!

Die Zeit war also geprägt vom Hass der Hohenpriester und Ältesten, die Mordpläne gegen Jesus schmiedeten, anstatt sich auf das bevorstehende Passafest vorzubereiten. Sie war auch überschattet vom Verrat eines Jüngers, der die Liebe Jesu mit Füßen trat. Doch in dieser dunklen Zeit leuchtet aus der geistlichen Finsternis die schöne Tat einer Frau hervor, die uns in den Versen 6-13 vor Augen gestellt wird.

Betrachten wir Vers 6:

6 Als nun Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen,

Betanien lag östlich von Jerusalem, am Fuß des Ölbergs. Für Jesus war Betanien wie seine zweite Heimat. Wenn er in der Gegend war, übernachtete er dort. Und auch in dieser letzten Woche seines Lebens können wir sehen, dass er zwischen Betanien und Jerusalem pendelte. In Betanien hatte er enge Freunde, nämlich Lazarus und seine Schwestern Marta und Maria.

Dort war er von Simon, den er vermutlich vom Aussatz geheilt hatte, zum Essen eingeladen worden. Das Johannesevangelium berichtet, dass Lazarus auch mit am Tisch saß und dass die fleißige Marta ihm diente. Doch wo steckte Maria?

Sehen wir uns Vers 7 an:

7 trat zu ihm eine Frau, die hatte ein Glas mit kostbarem Salböl und goss es auf sein Haupt, als er zu Tisch saß.

Nach dem Johannesevangelium war die Frau, die plötzlich zu Jesus trat, Maria von Betanien. Während die anderen aßen, war sie nach Hause geeilt und hatte aus ihrer Kammer ein Glas mit kostbarem Salböl geholt. Von der Menge her war es auch nicht wenig, sondern nach dem Johannesevangelium ein ganzes Pfund, was etwas mehr als unser heutiges Pfund war. Dieses Salböl bestand aus Narde, einer aromatischen Flüssigkeit, die aus einer Pflanze gewonnen wurde, die im Hochgebirge des Himalaya wächst. Dieses Importprodukt wurde mit Olivenöl gemischt und in Alabasterflaschen in den Handel gebracht. Das Johannesevangelium erwähnt auch den Wert dieses Öls, nämlich 300 Silbergroschen, den Jahresverdienst eines Arbeiters. Dieses Glas mit Salböl war wohl Marias größter Schatz; vermutlich der einzige Wertgegenstand, den sie besaß. Er war ihre Wertanlage und finanzielle Sicherheit, außerdem auch ihre Mitgift, durch die sie sich eine gute Heirat sichern konnte. Es war darüber hinaus ein Gegenstand, an dem sie sich freute, dass sie ihn besaß. So mag dieses Salböl für sie ein Symbol ihres Lebens und ihres Glücks gewesen sein.

Was tat sie mit diesem Öl? Sie goss es auf Jesu Haupt, als er zu Tisch saß. Sie salbte ihn nicht mit ein paar Tropfen, wie man es zu tun pflegte, um Gäste zu ehren, sondern sie zerbrach das Glas und goss das Öl vollständig über Jesus aus. Sie hielt nichts zurück.

Warum tat sie das? Was waren ihre Beweggründe? Maria hatte eine spezielle Herzensbeziehung zu Jesus. Im 10. Kapitel des Lukasevangeliums lesen wir, dass Jesus nach Betanien kam und von Marta aufgenommen wurde. Martas Schwester Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Das war eine selige Zeit für sie. Was konnte sie von Jesus nicht alles lernen! Er führte sie in die tiefe geistliche Welt und öffnete die Herrlichkeit des Reiches Gottes für sie. Er nahm sie an, wie sie war, und sprach ihr die Sündenvergebung zu. Und dann hatte er auch noch ihren Bruder von den Toten auferweckt und sich ihr dadurch als die Quelle des Lebens offenbart. In ihr mag der Glaube aufgekeimt sein, dass Jesus der Sohn Gottes und der Messias ist. Mit ihrem ganzen Herzen hing sie an ihm. Jesus war das Zentrum ihres Lebens; er war alles für sie.

Sie bekam den Wunsch, ihm ihre Dankbarkeit, Liebe und Anbetung zu erweisen. Doch was konnte sie schon für ihn tun? Möglicherweise hatte sie lange darüber nachgedacht. Plötzlich hatte sie eine Idee: Ihr Salböl! Was für ein Geschenk könnte für den Messias, den Gesalbten, den König ihres Herzens und ihren wahren Hohenpriester angemessener sein als gerade dieses kostbare Salböl? Und so kam es zu der Tat, die hier berichtet ist. Mit ihrem Salböl gab Maria Jesus auch ihr Herz und ihr Leben. Indem sie das Salböl ausgoss, sagte sie Jesus quasi: „Du bist mein größter Schatz. Du bist mein wahres Glück.“

Ist es nicht wunderschön, was Maria getan hat? Das ganze Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. Ihr Opfer und ihre Hingabe waren ein Wohlgeruch für Gott.

Eigentlich hätten alle Anwesenden von der Tat der Frau begeistert sein müssen, oder? Doch wie reagierten sie tatsächlich? Betrachten wir die Verse 8 und 9:

8 Als das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung?

9 Es hätte teuer verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können.

Anstatt von Marias Tat bewegt zu sein, ärgerten sich die Jünger. Sie hielten es für Verschwendung, dass Maria ihr teures Salböl über Jesus ausgegossen hatte. Sie meinten, man hätte es lieber verkaufen und vom Erlös die Armen unterstützen sollen. Ihre Reaktion zeigt ihre humanistische und materialistische Gesinnung. Während Maria Jesus so herzlich liebte, waren sie kalt, lieblos und respektlos ihm gegenüber. Indem sie Marias Opfer als Vergeudung bezeichneten, sagten sie ja quasi: „Jesus, so viel bist du uns nicht wert.“ Wenn wir bedenken, dass auch sie Jesus eigentlich als ihren Christus erkannt und angenommen hatten, war ihre Haltung ziemlich beschämend.

In unserer heutigen Zeit können wir auch auf Unverständnis stoßen, wenn wir uns darauf konzentrieren, für die geistliche Errettung der Menschen zu beten und ihnen Gottes Wort weiterzugeben, in dem sie doch das Leben finden können. Manche würden soziales Engagement für viel sinnvoller halten, obwohl dieses nur die Situation einiger Menschen in diesem Leben ein wenig verbessern könnte, aber keine Bedeutung für die Ewigkeit hätte.

Was für eine Meinung vertrat aber Jesus? Betrachten wir Vers 10:

10 Als Jesus das merkte, sprach er zu ihnen: Was betrübt ihr die Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

Jesus verteidigte Maria und ihre Tat. Er forderte die Jünger auf, Maria in Frieden zu lassen. Es mag schon stimmen, dass ihre Tat ökonomisch betrachtet sinnlos war und keinen Nutzen hatte. Aber Jesus erkannte, was sie getan hatte, als gutes Werk an. Er war von der Schönheit und Reinheit ihrer Hingabe und Anbetung bewegt.

Er sagte weiter:

11 Denn Arme habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.

Gott hatte seinem Volk die Fürsorge für die Armen besonders ans Herz gelegt. Soziales Engagement ist auch wichtig. Aber wir sollen die Gelegenheit nicht verpassen, Jesus unsere Liebe, Dankbarkeit und Anbetung zu erweisen.

Maria hatte nur einfach aus ihrem Herzen etwas Besonderes für Jesus tun wollen. Sie hatte dabei vermutlich keinen weiteren Gedanken. Aber Jesus maß ihrer Tat eine große Bedeutung bei. Betrachten wir Vers 12:

12 Dass sie das Öl auf meinen Leib gegossen hat, das hat sie für mein Begräbnis getan.

Maria hatte vermutlich mitgekriegt, dass Jesus seine Leiden und seinen Tod angekündigt hatte. Vielleicht dachte sie, die für Jesus gerne etwas tun wollte: „Jetzt oder nie.“ Aber auch wenn dem so war, konnte sie ganz sicher nicht wissen, dass sich nachher die Ereignisse überschlagen würden, dass man Jesus vor seiner Grablegung nicht mehr, wie es üblich war, würde salben können. Von ihr aus hatte die Salbung nicht diesen Zweck. Dennoch nahm Jesus sie als Vorbereitung auf sein Begräbnis an. Auf diese Weise verlieh Jesus ihrer unsinnig aussehenden Tat eine prophetische Bedeutung.

Schließlich kündigte Jesus an:

13 Wahrlich, ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Maria wurde von Jesus gewürdigt und erlangte große Ehre, indem heute immer noch verkündigt wird, was sie getan hat. Warum aber verband Jesus ihre Tat mit dem Evangelium? Jesus würde bald am Kreuz sein Leben opfern, um die Sünde der Welt zu sühnen. Das ist das Evangelium. Indem mit diesem Evangelium zusammen ihre Tat verkündigt wird, wird sie uns als Vorbild hingestellt, das uns zeigt, wie wir auf die Gnade des Evangeliums reagieren sollen.

Wir alle haben das Evangelium angenommen, und aus Dankbarkeit dienen wir Gottes Werk, nicht wahr? Und doch empfinden wir einen großen Abstand zwischen Maria und uns. Was macht den Unterschied aus? Der Unterschied dürfte in dem Maß bestehen, wie sie das Evangelium verstanden hat. Vom Maß unseres Verständnisses über die Bedeutung des Evangeliums hängt ab, wie viel Kraft und Lebendigkeit der Hingabe wir entfalten und in welcher Dimension wir Jesus ehren und anbeten können. Maria hatte wirklich verstanden, wer Jesus ist und worum es beim Evangelium geht. Darum konnte sie Jesus alles geben.

Als ich mich mit dem Text beschäftigte, sah ich Maria zu Jesu Füßen sitzen und an seinen Lippen hängen. Ich sah auch, wie sie entschlossen und freudig in ihre Kammer ging, um ihr Salböl zu holen, aufgeregt und begeistert, dass sie gefunden hatte, wie sie Jesus all ihre Liebe und Anbetung zeigen konnte. Als ich darüber nachdachte, warum mir diese Kraft und Dimension der Hingabe fehlt, erkannte ich als Ursache, dass ich das Evangelium immer noch nicht genug verstanden hatte. In den kommenden Wochen werden wir uns mit dem Kern des Evangeliums beschäftigen. Ich bin motiviert, die verschiedenen Passagen nicht als „Kenne ich schon“ abzuhaken, sondern viel und mit neuem Herzen über die Bedeutung des Evangeliums nachzudenken, damit ich die Kraft der Hingabe empfangen kann, die dem Evangelium angemessen ist.

Lasst uns gemeinsam beten!

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