Predigt: 2.Korinther 11,16 – 12,10 (Sonderlektion – So. 30.Sept)

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Gottes Stärke in unserer Schwachheit

Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.“

2. Korinther 11,30

Was würden wir als verrückt bezeichnen? In der Zeitung „Die Welt“ war ein kurzer Artikel über die Briten und ihre Lust an verrückten Sachen. Unter anderem erwähnte dieser Artikel eine Frau namens Helen Skelton: Sie „hatte noch nie zuvor in einem Kajak gesessen. Jetzt legte sie in einem solchen eine Meisterleitung hin: Sie paddelte solo 3.235 Kilometer den Amazonas hinunter, von Nauta in Peru bis Almerin in Brasilien, wo der Fluss zu einem Gezeitenstrom wird. 95km pro Tag, sechs Tage die Woche, sechs Wochen lang, umringt von Piranhas, Alligatoren, Anakondas und Heerscharen von Mücken.“ Das ist sicherlich verrückt, weil es lebensgefährlich ist. Wer würde sich so etwas freiwillig antun wollen? Aber wenigstens kann man dadurch berühmt werden.

Christen, die es wirklich ernst meinen mit Jesus, werden regelmäßig als verrückt beschimpft. Ein deutsches Ehepaar, das nach Südafrika gezogen ist, schrieb in einem Artikel in der Zeit: „In unserem deutschen Freundeskreis wären wir auf mehr Verständnis gestoßen, wenn wir Buddhisten, Veganer oder alkoholabhängig geworden wären. ‚Ihr glaubt echt an die Bibel?’ – ‚Ja, wir leben danach.’ – Also seid ihr Fundamentalisten? Wie Bush und die Leute, die vor Abtreibungskliniken stehen?’ – ‚Nein, aber wir glauben, dass Jesus wiederauferstanden ist und in uns lebt.’ – ‚Ewiges Leben, Himmel und Hölle?’ – ‚Genau. Und wir glauben an ein Leben nach dem Tod.“ Und die Autoren sagten dann, dass das ein guter Moment war, eine Flasche Wein zu öffnen.

In der gesamten Kirchengeschichte hat es wohl kaum einen Menschen gegeben, der es mit Jesus und seinem Evangelium so ernst meinte wie Apostel Paulus. Wenn wir seine Geschichte in der Apostelgeschichte lesen, ist das nicht nur abenteuerlich, sondern auch verrückt. Rein menschlich gesehen scheint sein Leben keinen Sinn zu ergeben. Im heutigen Text sehen wir, wie Paulus mit dem Vorwurf konfrontiert war, verrückt zu sein. Die Lutherbibel übersetzt das mit dem Wort ‚Narr’ und dessen Eigenschaften als ‚Torheit’. Das ist sicherlich solides Deutsch aus dem 19. Jahrhundert. Das Wort ‚Narr’ erinnert uns heute vielleicht an schlechtem Karneval in Mainz und Köln. Das ist vielleicht nicht ganz so weit verfehlt. Aber ich finde, die Wörter ‚verrückt’ und ‚wahnsinnig’ etwas besser.

Apostel Paulus kontert den Vorwurf mit einer brillanten und sarkastischen Rede. In dieser Rede stellt Paulus die Welt auf den Kopf. Er fragt die Korinther sozusagen: „Ihr nennt mich verrückt? Wollt ihr wirklich einen Verrückten sehen? Ich zeige euch einen Verrückten!“ Indem er in die Rolle eines Verrückten schlüpft, zeigt er, dass sein ‚Wahnsinn’ und seine ‚Verrücktheit’ tausendmal mehr Sinn ergeben, als alle Weisheit dieser Welt. Das Leben einer Person wie Paulus ergibt deshalb so viel Sinn, weil das Evangelium Sinn macht. Das Evangelium macht folgende ‚verrückte’ Aussage: „In unserer größten Schwäche ist unsere größte Kraft.“ (Das ist übrigens die Hauptbotschaft des 2. Korintherbriefes). Dieser Satz ist nicht einfach eine abstrakte Formel. Diese Wahrheit hat die Kraft, Leben zu verändern und auf den Kopf zu stellen. Die Art und Weise wie wir in unserem Leben angeben und worauf wir stolz sind, wird maßgeblich davon abhängen, wie sehr wir diesen Satz verinnerlicht haben: In unserer größten Schwäche ist unsere größte Kraft.

Wir wollen im heutigen Text über vier Dinge nachdenken. Erstens, schlechtes Angeben; zweitens, verrücktes Angeben; drittens, gutes Angeben, und als letztes, wie wir gute Angeber werden können.

Erstens, schlechtes Angeben (11.16-23a)

Was genau war das Problem in Korinth? In 11,5 spricht Paulus von sogenannten Überaposteln: „Ich meine doch, ich sei nicht weniger als die Überapostel.“ Wer waren diese Überapostel? In Vers 13 sagt er: „Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi.“ Zusätzlich zu den vielen Problemen, von welchen die Korinther Gemeinde also ohnehin bereits geplagt, kam ein neues Problem hinzu: falsche Lehrer, die in der Gemeinde ihr Unwesen trieben. Was wissen wir noch über die falschen Apostel? 11,20 sagt: „Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn euch jemand erniedrigt, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt.“ Das ist eine krasse Liste. Ich weiß nicht genau, ob diese Liste wirklich sprichwörtlich zu nehmen ist, oder eher symbolisch zu verstehen ist. Ich weiß nicht, ob Korinther wirklich ins Gesicht geschlagen wurden. Aber es scheint Tatsache, dass die Korinther von den Irrlehrern misshandelt wurden und tyrannisiert wurden.

Was ist eines der Markenzeichen der falschen Lehrer? Eines der Schlüsselwörter, das wir in unserem Text wiederholt vorfinden, ist das Wort ‚rühmen’. Um nur einige Beispiele zu nennen, Vers 16: „so nehmt mich an als einen Törichten, damit auch ich mich ein wenig rühme.“ Vers 17: „weil wir so ins Rühmen gekommen sind.“ Vers 18: „Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.“ Vers 30: „Wenn ich mich den rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.“ Und so weiter und so sofort. Es gibt viele weitere Beispiele in Kapitel 10 und später in Kapitel 12. Ganz offensichtlich ist das ‚Rühmen’ ein ganz wichtiger Streitpunkt in diesen Kapiteln. Das Markenzeichen der Irrlehrer war also ihr exzessives Rühmen. Aber was genau ist mit Rühmen gemeint?

Rühmen ist ein schrecklich altmodisches Wort, was heutzutage in Deutschland kaum jemand benutzt. Die relativ neue Basisbibelübersetzung schreibt ‚angeben’. Und damit können wir vermutlich schon eher etwas anfangen. Aber ich denke selbst dieses Konzept des Angebens ist nicht wirklich zeitgemäß. Wir alle sind in einer Kultur aufgewachsen, in welcher Angeber nicht unbedingt gerne gesehen werden. Die meisten von uns hatten Eltern, die uns gelehrt haben, dass bescheiden zu sein eine Tugend ist, große Klappe und Prahlerei eher nicht. Die Sache ist, dass man Demut und Bescheidenheit nicht wirklich lehren kann. Das sind Eigenschaften in unserem Herzen. Aber man seine Kinder zumindest lehren, so zu tun als ob. Falls wir diese Lektion nicht von unseren Eltern gelernt haben, haben die meisten von uns das in der Schule gelernt. Wer in der Schule zu viel angegeben hat, bekam hinterher von den Klassenkameraden Prügel. Es wird natürlich dann zum Problem, wenn man selbst in der Schule seine Lektion noch nicht gelernt hat. Ich hatte einen Kollegen im Studium, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zum Ausdruck bringen musste, dass er so viel praktische Erfahrung im Labor besaß im Vergleich mit allen anderen. Wir haben diesen Studenten gehasst.

Wie wir sehen ist Angeberei zur Zeit nicht so wirklich in Mode. Man macht sich damit nicht beliebt. Eine der wenigen Ausnahmen, in welchen Angeberei in unserer Gesellschaft akzeptiert sind, ist in unseren Anschreiben und Lebensläufen unserer Bewerbungen. Zu Paulus Zeiten war es allerdings anders. Prahlerei war absolut die Norm, sowohl bei den Juden als auch bei den Römern. Die Frage ist dann, inwiefern das Rühmen, von dem Paulus hier spricht, auf uns anwendbar ist. Und wie ich finde ist das sehr anwendbar. Die Frage ist, was steckt hinter Angeberei? Die Antwort darauf ist: ‚Stolz’. Prahlen und Angeben ist ein Ausdruck dessen, worauf wir in tiefstem Inneren unseres Herzens stolz sind. Stolz ist etwas, womit wir durchaus etwas anfangen können. Jeder Mensch hat Stolz. Und jeder Mensch ist auf etwas stolz. Was Paulus also zum Problem nahm, ist die Tatsache, dass einige in der Korinther sich falscher Dinge rühmten. Oder mit anderen Worten, sie waren auf die falschen Dinge stolz.

Was hat es mit Stolz auf sich? Eine Psychologin namens Jessica Tracy schrieb: „Die Bibel hat unrecht. Stolz kommt nur dann vor dem Fall, wenn es Hybris (Überheblichkeit) ist – also exzessiver Stolz, der dazu tendiert in Selbstverherrlichung und Einbildung überzugehen. … Es gibt schlechten Stolz und guten Stolz.“ Tracy nennt das überheblichen oder authentischen Stolz. Hier ist ein Beispiel für schlechten Stolz: Nehmen wir einmal an, dass jemand eine großartige Leistung vollbringt. Anstatt sich auf die Leistung zu fokussieren, sagt die Person: „Ich bin so großartig.“ Authentischer oder guter Stolz wäre, zu sagen: „Ich habe wirklich hart gearbeitet und verdiene das Lob.“ Und wisst ihr was? Ich beginne hier mit der These, dass Jessica Tracy gar nicht so Unrecht hat. Es gibt guten Stolz und auch schlechten Stolz. Sie sagt, dass schlechter Stolz etwas mit einer falschen Wahrnehmung der Realität, einschließlich unserer selbst zu tun hat.

Über die schlechte Art von Stolz schrieb C.S. Lewis: „Die Christen haben recht: es ist der Stolz, der die Hauptursache des Elends in allen Nationen und allen Familien ist, seitdem die Welt begann. Andere Laster können manche Menschen zusammen bringen: ab und zu findet man gute Gemeinschaft unter betrunkenen und unkeuschen Menschen. Aber Stolz bedeutet immer Feindschaft – Stolz ist Feindschaft. Es ist nicht einfach nur Feindschaft zwischen Menschen und anderen Menschen, sondern auch Feindschaft mit Gott. In Gott begegnen wir jemandem, der uns in jeglicher Hinsicht unendlich überlegen ist. Und so lange wir nicht Gott als solchen anerkennen – und als Konsequenz erkennen, dass wir nichts im Vergleich zu ihm sind, kennen wir Gott überhaupt nicht. Solange wir stolz sind, können wir Gott nicht begegnen. Ein stolzer Mensch schaut immer auf Dinge und Personen herab: und natürlich ist es so, dass so lange man nach unten schaut, man Dinge nicht zur Kenntnis nehmen kann, die über einem stehen.“

Mit anderen Worten, die Realität, die es für jeden Menschen wahrzunehmen gilt, ist Gott selbst. Und so lange wir Gott ignorieren, machen wir die Rechnung komplett ohne den Wirt: unsere Wahrnehmung ist massiv gestört und unser Herz erfüllt sich mit allen Formen von falschem, überheblichen Stolz. Und sofern das unsere Kultur zulässt, kann sich das in falschem Rühmen äußern. Wie äußerte sich das in Korinth? Es äußerte sich darin, worauf die falschen Lehrer stolz waren. Sehen wir uns noch einmal den Vers 18 an: „Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen.“ Vers 18 sagt, dass sich die Narren nach dem Fleisch rühmten, d.h. so wie es jeder andere Mensch in der Welt tut. Sie waren stolz auf die Dinge, die man äußerlich sehen konnte. Sie waren stolz auf ihre Errungenschaften. Sie waren stolz auf ihre religiöse und nationale Abstammung: sie waren stolz darauf, echte Hebräer zu sein, und Abrahams Kinder und Diener Christi zu sein. Mit einem Wort, sie waren stolz auf sich selbst. Ihre Angeberei beruhte auf ihre eigene Stärke und Kraft. Das ist schlechtes Angeben.

Zweitens, verrücktes Angeben (11,21b-19)

Wie in der Einleitung erwähnt, hält Paulus eine längere Rede im heutigen Text. Diese Rede ist bekannt unter dem Titel „Narrenrede“. Paulus wurde von einigen in der Korinther Gemeinde für verrückt gehalten. Und Paulus kontert dieses Argument auf geniale Art und Weise, indem er wirklich so tut als ob er verrückt wäre. Damit da ja keine Missverständnisse auftreten, macht er das sehr klar in seinem Brief. Hier sind einige Beispiele: in Vers 16 sagt Paulus: „so nehmt mich an als einen Törichten.“ In Vers 17: „Was ich jetzt rede, das rede ich nicht dem Herrn gemäß, sondern wie in Torheit.“ In Vers 23: „Ich rede töricht.“ Schließlich am Ende seiner Rede in Kapitel 12, sagt er in Vers 11: „Ich bin ein Narr geworden“. Was er damit meint, ist, dass die vorigen Abschnitte vor allem als seine Parodie zu verstehen sind. Wir haben gesehen, dass die falschen Lehrer stolz waren auf ihre Errungenschaften. Worauf war Paulus dann stolz?

In den Versen 23b und folgende, gibt Paulus die vollständigste Aufzählung seiner bisherigen Leiden. Vers 23b: „Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen.“ Paulus hatte mehr und härter gearbeitet, weil er für seinen Dienst im Werk kein Geld nahm. Er hatte eine Doppelbelastung, in Vollzeit in der Mission zu dienen aber auch gleichzeitig für sein materielles Überleben zu arbeiten. Paulus war wegen seines Glaubens auch öfter im Gefängnis und musste auch Schläge über sich ergehen lassen.

Er erwähnt weitere Details im folgenden Versen. Verse 24 und 25a: „Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen. Ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen; einmal gesteinigt worden;“ In 5. Mose gab Gott die Anweisung, dass man bei einer Bestrafung nicht mehr als 40 Schläge bekommen sollte. Um sicher zu gehen wurden 39 Schläge gegeben. Die 40 Hiebe weniger einem waren also eine typische Bestrafung unter Juden. Die Tatsache, dass Paulus zum Zeitpunkt des Briefes bereits fünfmal diese demütigende Strafe erhalten hatte, zeigt uns, dass er in seiner Mission allezeit versuchte, einen engen Kontakt mit seinen Landsleuten zu halten. Und dann heißt es, dass er dreimal mit Stöcken geschlagen wurde. Das war eine typisch römische Bestrafung. Eine von diesen Ereignissen erfuhr Paulus in der römischen Stadt Philippi. Eigentlich sollten römische Staatsbürger von dieser Strafe ausgenommen werden. In Apostelgeschichte sehen wir ja auch, dass Paulus Philippi nicht verließ, bevor er eine offizielle Entschuldigung von den Stadtrichtern erhalten hatte. Die Tatsache, dass er eine solche Strafe dreimal erhalten hatte, zeigt uns aber, dass die Römer es mit dem Halten dieses Gesetzes nicht zu genau nahmen. Weiter heißt es dann in Vers 25b: „dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer.“ Der einzige Schiffbruch von Paulus, von dem wir in Apostelgeschichte erfahren, war auf dem Weg nach Rom. Und diese Fahrt lag zum Zeitpunkt, als Paulus 2. Korinther schrieb, noch vor ihm. Die dreifachen Schiffbrüche waren also bereits vorher schon passiert. Sie zeigen, wie gefährlich die Seereisen waren und wie häufig Reisende Unfällen ausgesetzt waren.

Vers 26: „Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr unter Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern;“ Reisen in der Antike waren zwar durchaus möglich. Aber sie waren immer auch wesentlich gefährlicher als heutzutage. Paulus sah sich immer größter Lebensgefahr ausgesetzt. Vers 27: „in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße;“ Dieser Vers zeigt uns die vielen körperlichen Entbehrungen, mit denen sich Paulus ausgesetzt sah. Verse 28 und 29: „und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden. Wer ist schwach und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht und ich brenne nicht?“ Während die vorherigen Leiden vor allem auf die vielen, unmöglichen körperlichen Strapazen bezeugen, handeln Verse 28 und 29 eher von seinen geistlichen Strapazen. Paulus hatte immer ein Herz für die Schwachen im Glauben. Wir sehen das in seinen Briefen an die Korinther und an die Römer, wie er sich immer für sie einsetzte und sie verteidigte. Wenn sie zu Fall kamen, dann fing Paulus selbst an innerlich zu brennen. Und das endet den Leidenskatalog, den Paulus hier aufführt.

Wenn wir das alles lesen, dann bekommt eine Stelle wie Römer 8,18 noch mal eine ganz andere Dimension, oder? „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ Der Römerbrief wurde übrigens kurz nach dem 2. Brief an die Korinther geschrieben. Die Frage ist jetzt: warum schreibt Apostel Paulus das alles? Warum gibt er uns diese lange Liste an Leiden und Entbehrungen, die er erfahren musste? Für unser Verständnis ist es absolut wichtig zu verstehen, dass Paulus immer noch als ein Verrückter redet. Und das ist nicht einfach nur eine normale Rede, die er hier hält. Als ein Verrückter prahlt der Apostel, dass er alle diese Leiden erfahren hat. Das wiederum ist purer Sarkasmus: die falschen Lehrer waren stolz auf ihre religiöse Herkunft, auf ihre geistliche Autorität, auf die Errungenschaften in ihrem Leben, auf ihre Bildung. Paulus sagt uns, dass er stolz ist auf alle die Leiden, die er erfahren hat. Die falschen Lehrer machten allezeit klar, dass sie stolz auf ihre Triumphe waren. Ihr Verhalten war triumphalistisch. Paulus hingegen sagt, dass er stolz auf seine Niederlagen war. Die Irrlehrer waren stolz darauf, Jesu Knechte zu sein, obwohl sie es nicht waren. Paulus hingegen bewies, dass er als Jesu Knecht authentisch war, weil sein ganzer Lebenswandel Jesu Demut widerspiegelte. Paulus war stolz auf seine Wunden und Narben. Die falschen Lehrer führten sich auf wie die Helden. Paulus spielte den Anti-Helden. Um das ganze zusammen zu fassen: wir sehen, dass Paulus ihr Spiel spielte, und dass er sie dabei völlig lächerlich machte.

Was sehen wir hier noch? Der Wahnsinn in Paulus Liste besteht darin, dass Paulus sich allen diesen Leiden freiwillig aussetzte. Paulus hätte nicht so viel arbeiten müssen, wenn er z.B. bereit gewesen wäre, von der Korinther Gemeinde Geld anzunehmen. Er hätte sich das Leben etwas einfacher machen können. Warum zurück in eine Stadt gehen, deren Leute ihn gerade gesteinigt haben? Warum vor eine wütende Menschenmasse treten, wenn er gerade der Grund war, dass die Menschen so wütend waren? Muss das wirklich sein? Seine Leiden waren eine Konsequenz dessen, dass er Gott diente wie ein Verrückter.

Wir haben im ersten Teil das schlechte Angeben der Irrlehrer gesehen, wir haben im zweiten Teil das verrückte Angeben von Paulus gesehen. Jetzt bleibt noch als drittes, gutes Angeben.

Drittens, gutes Angeben (11,30-12,10)

Vers 30 sagt: „Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.“ In diesem Vers ist die Essenz von Paulus’ Stolz und Angeberei. Er war stolz darauf schwach zu sein. Diese Schwäche untermauert Paulus mit zwei konkreten Beispielen.

Erstens, er erzählt von seiner Erfahrung in Damaskus. Verse 32 und 33: „In Damaskus bewachte der Statthalter des Königs Aretas die Stadt der Damaszener und wollte mich gefangen nehmen. Und ich wurde in einem Korb durch ein Fenster die Mauer hinuntergelassen und entrann seinen Händen.“ Stop. Was genau hat es mit diesen Versen auch sich? In den vorigen Versen gibt Paulus eine lange Liste seiner Strapazen und Leiden. Vorher sprach er von Schlägen, Gefängnis und Schiffbruch. Aber hier spricht Paulus, dass er in einem Korb die Mauer runtergelassen wurde. Wie passt das zusammen? Was will er uns damit sagen?

Das Ereignis in Damaskus geschah sehr kurz nach Paulus eigener Bekehrung. Als die Juden ihm nachstellten, um ihn zu töten, floh er. Paul Barnett, der einen hervorragenden Kommentar zu 2. Korinther verfasst hat, schreibt folgendes: „Es ist schwierig sich hier eines schändlichen Eindruckes zu erwehren. Hier werden keine Mauern zum Umsturz gebracht für den Sieg; wir finden keine Krone aus Gold, um den Sieg zu krönen. Stattdessen entkommt Paulus wie ein Feigling der Schlacht, in dem er an der Mauer hinunter gelassen wird in etwas, was auch ein Fischkorb hätte sein können.“ Ist das nicht lächerlich? Ist das nicht alles ein wenig traurig? Und vor allem, ist das nicht auch ziemlich peinlich? Es ist das genaue Gegenteil einer heroischen Tat. Das ist das erste Beispiel, mit dem Paulus seine Schwäche illustriert.

Zweitens, Paulus spricht von einem Pfahl in seinem Fleisch. In den ersten 6 Versen von Kapitel 12 berichtet Paulus von einer krassen Vision, die er sah. Paulus wurde entrückt in den dritten Himmel. Dabei wusste er noch nicht einmal ob er bei dieser Erfahrung noch in seinem Körper war oder nicht. Was ist der dritte Himmel? Das kann ein sprachlicher Ausdruck dafür sein, dass Paulus wirklich einen Einblick ins Paradies hatte: nicht einfach die himmlische Atmosphäre in der Luft, sondern der Ort, an welchem Gottes Thron ist. In dieser krassen Vision sagt Paulus dann, dass er unaussprechliche Worte hörte, die kein Mensch wiedergeben kann. Paulus hatte einen Einblick in Gottes Reich und Herrlichkeit, wie kaum ein anderer Mensch. Wie ihr sicherlich alle bemerkt habt, spricht Paulus von sich selbst in der dritten Person. Erst in Vers 7 wird es dann richtig klar, dass er in diesen Versen über sich selbst sprach.

Und dann kommt der krasse Kontrast. Damit Paulus nicht überheblich wird, wurde ihm ein Pfahl ins Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, der ihn mit Fäusten schlägt. Wir wissen nicht genau worauf sich das bezieht. Manche Interpreten sehen das als einen körperlichen Schmerz, mit dem Paulus konfrontiert war. Als Paulus Gott anflehte, diesen Dorn zu entfernen, bekommt er einen überraschenden Satz zu hören. Vers 9a: „Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Dieser Vers ist einer der berühmtesten Verse der Briefes und auch einer bekanntesten Verse der gesamten Bibel. Lesen wir auch Paulus Zusammenfassung seines ganzen Arguments in Vers 9b und 10: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöte, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Was ist also gutes Angeben dann? Gutes Angeben ist wenn wir unsere Schwäche zum Objekt unseres Stolzes machen. Wir prahlen mit unserer Schwäche.

Viertens, wie können wir gute Angeber werden?

Was bedeutet dieser Text für uns? Wir lernen, dass wir mit Paulus sagen sollen: „am allerliebsten rühme ich mich meiner Schwachheit. Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Klingt gut, klingt christlich, also lasst uns das tun. Wenn wir uns dann diese Woche mit dem Text beschäftigen, dann wollen wir darüber nachdenken, was für Schwächen wir denn genau haben. Aber ist das wirklich so einfach? Jeder von uns hat peinliche Momente im Leben; es sind die Momente als wir uns in dem Fischkorb oder Obstkorb befanden, wie Paulus in Damaskus; die Momente unserer Niederlagen in unserem Leben; es können zerbrochene Beziehungen sein, Freunde die wir verloren haben; es können schmerzhafte, die traumatische Momente in der Familie, Gemeinde oder in unserem Studium oder Berufsleben sein. Manche, wenn nicht vieler dieser Momente sind der Tatsache geschuldet, dass wir selbst Sünder sind: dass wir die falschen Entscheidungen getroffen haben, obwohl wir eigentlich wissen, was richtig ist; die Momente, in welchen wir uns fühlen, wie Petrus sich gefühlt haben muss, nachdem er Jesus verleugnet hatte.

Können wir wirklich darauf stolz sein? Zwei Gründe sprechen dagegen.

Erstens, warum sollte man stolz auf etwas sein, was nicht gut ist? Schwäche ist keine gute Sache. Misshandlung, Nöte, Verfolgungen, von denen Paulus hier spricht, oder die Tatsache, dass ihn ein Engel Satans mit Fäusten schlägt, sind nicht gut! Die Schwäche, von der Paulus spricht, ist ein Resultat einer gefallenen und zerbrochenen Welt. Weil Schwäche also ein Resultat von Sünde ist, (und es ist erst einmal egal, ob diese Sünde extern oder intern ist), ist Schwäche an sich keine gute Sache.

Zweitens, es ist emotional fast unmöglich, mit unseren Schwächen wirklich ehrlich zu sein. Haben nicht alle Menschen die Tendenz, irgendwie besser dastehen zu wollen, als sie wirklich sind? Unser ganzes Leben lang sind wir damit aufgewachsen, zu versuchen, unsere Schwächen so gut wie nur irgendwie möglich zu verstecken. Ich glaube, dass das auch in der Gemeinde so ist. Natürlich schreiben wir Stellungnahme. Und natürlich benutzen wir dieses Forum, um unsere Fehler und Sünden zu bekennen. Aber kann ich euch etwas fragen: wie ehrlich sind wir im Umgang mit uns selbst? Ist es nicht so, dass wir selbst in unseren Stellungnahmen noch versuchen, die Kontrolle darüber zu wahren, wie viel Buße wir nun tun oder nicht? Vollkommen ehrlich mit unseren Schwächen zu sein ist deshalb emotional fast unmöglich, weil es voraussetzt, dass wir bereit sind, jede Kontrolle und Bestimmung über unser Leben abzugeben. Und das ist etwas, woran wir uns bis zum bitteren Ende klammern.

Ein guter Freund von mir erzählte mir von seiner Beziehung mit seiner Verlobten. Und was mich daran am meisten faszinierte, war die Tatsache, wie ehrlich beide mit ihren Schwächen umgehen. Z.B. sagte er seiner Verlobten: „Ich möchte, dass wenn wir als Ehepaar zusammen leben, du immer auch einen Blick auf alle meine Computeraktivitäten wirfst.“ Sie fragte dann: „warum?“ – „Weil Männer Versuchungen im Internet ausgesetzt sind?“ – „Heißt das, dass du jeden Tag Pornos schaust?“ – Er sagte dann: „Nee, nicht jeden Tag.“ Ist das nicht eine erfrischende Ehrlichkeit mit Schwäche? Ist das nicht ein gutes Beispiel dafür, wie wir freiwillig die Kontrolle über uns selbst ein stückweit mehr abgeben können?

Hier ist die alles entscheidende Frage: wie können wir stolz auf unsere Schwächen sein? Sehen wir uns noch einmal 12,9 an: „Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.“ Die zwei entscheidenden Worte sind zum einen Gnade und Gottes Kraft. Nur wenige Jahre bevor Paulus diesen Brief schrieb, lebte die personifizierte Demut und Sanftmut Gottes unter den Menschen. Paulus gibt uns einen Einblick in seine Leiden. Aber seine Schwächen sind nur ein Schatten des Menschen, der unsere Schwachheit trug. Jesus hat mehr gearbeitet als sie alle. Er wurde gefangen. Jesus wurde von den Juden misshandelt, bevor er von den Römern gegeißelt wurde. Jesus litt nicht nur Todesnot, er starb am Kreuz. Paulus mag einen Tag und eine Nacht auf dem tiefen Meer getrieben sein. Jesus hingegen lag drei Tage im Grab, in der Finsternis des Todes. Jesus hat alle Macht im Himmel und auf Erden. Aber er starb den Tode der ultimativen Schwäche, der ultimativen Bloßstellung, der Schande und der Scham. Warum?

Die Herrlichkeit von Gottes Gnade besteht darin, dass er Sünder unendlich viel besser behandelt, als sie es verdienen. Die Gnade Gottes ist, dass Jesus am Kreuz in Schwachheit bloßgestellt wurde, damit wir Gottes Kraft anziehen können. Am Kreuz behandelte Gott Jesus auf solche Weise wie wir es verdient hätten, damit er uns so behandeln kann, wie Jesus es verdient. Die Kraft Gottes, von welcher der Apostel Paulus spricht, ist das Evangelium. Und nur wenn wir verstehen, dass wir von Gott erkannt und unendlich geliebt sind, finden wir die Kraft, wirklich ehrlich mit uns selbst zu werden. In dem Maße, in dem wir vom Evangelium verändert werden, lernen wir, unsere abscheulichsten Schwächen als eine Gelegenheit wahrzunehmen, mehr von Gottes Stärke zu erfahren. In dem Maße, in welchem wir im Evangelium wachsen, werden wir zu Menschen verändert, die sich ihrer Schwäche rühmen können, um Gott alle Ehre zu geben, die ihm gebührt.

Pastor Greear betet jeden Tag folgendes Gebet, um im Evangelium zu wachsen:

„Vater, es gibt nichts, was ich tun kann, um damit zu bewirken, dass du mich mehr liebst.

Vater, kein Versagen kann bewirken, dass du mich weniger liebst.

Deine Anwesenheit und deine Anerkennung sind alles, was ich heute brauche, um ewige Freude zu haben.

Wie du zu mir bist, möchte ich zu anderen sein.

Deine Barmherzigkeit will ich am Kreuz bemessen. Deine Macht will ich an der Auferstehung bemessen.

Diesem Maßstab entsprechend will ich beten.“

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