Predigt: Joh 9,13-41

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Der Blindgeborene bezeugt Jesu Gnade

eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend.“
Johannes 9,25b

Wir wollen unsere Bibeln aufschlagen und Johannes 9 lesen. Bevor wir uns auf den Text stürzen, wollen wir ganz kurz unseren heutigen Abschnitt in Kontext bringen. In Johannes 8 haben wir gesehen wie Jesus im Tempelvorhof lehrte. Er stand neben 4 riesigen Leuchtern, die beim Laubhüttenfest entzündet wurden und deren Licht man in ganz Jerusalem gesehen hatte. Und dann sagte er: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Was für eine atemberaubende Verkündigung! Und Jesu Proklamation blieb nicht bei leeren Worten. Der Text in Kapitel 9 steht in engem Zusammenhang mit diesem Wort. Letzte Woche haben wir durch die Botschaft von H. Reiner gehört, wie Jesus Gottes Werke wirkte. Jesus hatte gesagt: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Und nachdem Jesus, das Licht der Welt, diese Worte gesprochen hatte, schenkte er einem Blindgeborenen das Augenlicht. Wir haben gesehen, dass es ein herrliches Wunder war.

Unser heutiger Text schließt daran an. Was wir aber gut verstehen müssen, ist die Tatsache, dass diese Heilung Jesu Gnade war. Was ist Gnade? Gnade ist unverdiente Güte, Freundlichkeit, Erbarmen und Herzlichkeit Gottes. Der Blindgeborene hatte die Heilung nicht verdient. Er hatte keinen Anspruch darauf. Am Wunder selbst hatte er keinen Anteil. Er hatte die Heilung nicht deshalb erfahren, weil er gerecht war, oder weil er ein moralisches Leben geführt hatte, oder weil er gute Werke getan hatte. Er hatte sich die Heilung nicht dadurch erworben, weil er im Vergleich mit anderen Menschen besonders viel gelitten hatte. Die Tatsache, dass er zum ersten Mal in seinem Leben sehen konnte, war ganz einfach souveräne Gnade Gottes. Das sollten wir uns zutiefst bewusst machen.

Wir haben ebenfalls Gnade erfahren. Aber wie gehen wir mit Gottes Gnade um? Gerade das wollen wir heute im Text durch den Blindgeborenen lernen. Drei Punkte wollen wir heute beherzigen: das Bekenntnis zur Gnade, ein Festwerden (oder Wachstum) in der Gnade, und völlige Genüge durch die Gnade.

Teil 1 Das Bekenntnis zur Gnade (13-23)

Betrachten wir den Text. „Da führten sie ihn, der vorher blind gewesen war, zu den Pharisäern.“ Die Nachbarn des Bettlers und die Juden, die ihn vorher gekannt hatten, konnten ihren Augen nicht trauen. Der Blindgeborene konnte sehen. Und was für eine überfließende Freude und tiefe Dankbarkeit musste er ausgestrahlt haben. Er war so glücklich. Wir wissen nicht, warum sie diesen Mann zu den Pharisäern brachten. Vielleicht war er ihnen einfach eine Spur zu glücklich. Vielleicht war seine Freude für sie nur schwer zu ertragen. Vermutlich aber sahen sie Aufklärungsbedarf bezüglich seiner Heilung. Aus diesen oder jenen Gründen brachten sie ihn zu den religiösen Leitern. Und damit fing der ganze Ärger an. Vers 14 macht einen kleinen Einschub: Ach übrigens, „es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Brei machte und seine Augen öffnete.“ Bezüglich der Heilungstat war es völlig irrelevant und unwichtig, ob es am Sabbat oder an irgendeinem anderen Tag war. Aber es ist für uns wichtig das zu wissen, um die folgende Kontroverse verstehen zu können.

Der Geheilte befand sich vor den Pharisäern. Es handelte sich hier vermutlich um Mitglieder des Sanhedrin, des obersten Rates der Juden. Sie waren die religiöse Elite des Landes. Sie waren diejenigen, die unter den Römern das Sagen hatten. Und sie wussten nur zu gut, wie man jemanden ins Kreuzverhör nehmen konnte. Sie fragten ihn zunächst, wie er sehend geworden war. Sehen wir uns die Antwort des ehemaligen Bettlers in Vers 15b an: „Er aber sprach zu ihnen: Einen Brei legte er mir auf die Augen, und ich wusch mich und bin nun sehend.“ Es war eine ganz einfache Tatsachenschilderung des Übernatürlichen. Niemand könnte einem Blindgeborenen einfach einen Brei auf die Augen legen und sagen „Geh … und wasche dich!“ und die Person dadurch heilen. Niemand könnte das tun außer dem Messias. Wie reagierten aber die Pharisäer darauf?

Einige von ihnen sagten: „Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat hält.“ Mit größter Überzeugung sagten einige Pharisäer, dass Jesus auf keinen Fall von Gott sein kann. Sie sagten, dass Jesus den Sabbat nicht hielt. Was meinten sie eigentlich damit? Ihr Argument war, dass der Blindgeborene sich nicht in akuter Lebensgefahr befand. Deshalb hätte er an jedem anderen beliebigen Tag der Woche außer dem Sabbat geheilt werden können. Als zweites, in der Mishna sind 39 Tätigkeiten überliefert, die am Sabbat ausdrücklich verboten waren. Dazu gehörte unter anderem das Kneten. Ganz eindeutig knetete Jesus, als er den Brei bereitete. Als drittes, es war am Sabbat ebenfalls verboten, Salbe auf die Augen zu tun. Auf der anderen Seite gab es ein paar Pharisäer, die argumentierten, dass sündige Menschen keine Wunder vollbringen konnten. Und sie fingen sich an zu streiten.

Was war das Problem der Pharisäer? Die Pharisäer machten eine Grundannahme. Und auf dieser Grundannahme hatten sie ihr ganzes Gedankengebäude aufgerichtet. Dieses Gedankengebäude war ihr Maßstab, um zu urteilen, was richtig und was falsch ist. Warum ist das so problematisch? Wir können hier zwei Gründe anführen. Es ist zum einen absolut problematisch, weil die Pharisäer von der falschen Grundannahme ausgingen. Sie beurteilten Jesus zum Beispiel nach ihrer persönlichen Auslegung des Sabbatgebotes. Ihre Auslegung aber hatte nichts mit dem wahren Geist des Sabbats zu tun. Alles gründete vielmehr auf ihre menschlichen Traditionen. Der Sabbat hätte eigentlich ein Bild für den wahren kommenden Sabbat sein sollen, wenn wir in Gottes ewige Ruhe einkehren. Jeder Sabbat hätte daher eine Predigt des Evangeliums sein sollen. Aber stattdessen war dieser Tag zu einer religiösen Pflichtübung verkommen. Der zweite Grund weshalb ihre Haltung so schlimm war, war dass sich die Pharisäer so fest an ihr Gedankengebäude klammerten, dass sie dafür bereit waren Fakten, Tatsachen und Evidenzen zu ignorieren. Im weiteren Verlauf des Evangeliums sehen wir, dass sie sogar bereit waren, Fakten aus dem Weg zu räumen. Letzten Endes führte es dazu, dass sie Jesus lieber umbringen ließen, als sich den Tatsachen zu stellen.

Und wenn ich noch einen Punkt anmerken darf: wir sehen im Verhalten der Pharisäer eine sehr passende Illustration des Menschen heutzutage. So viele Menschen bauen ihr gesamtes Gedankengebäude auf eine falsche Grundannahme auf. Zum Beispiel gibt es für nur zwei prinzipielle Möglichkeiten die Existenz des Universums zu erklären: entweder es war alles ein riesiger kosmischer Zufall oder aber es gibt einen Schöpfergott. Moderne Wissenschaft geht von der Grundannahme aus, dass Gott keine Rolle spielt im Universum. Sie sagen, dass Glaube an Gott unwissenschaftlich und unseriös ist. Und sie versuchen daher das gesamte Universum, alle Naturphänomene und nicht zuletzt den Menschen selbst mit einer rein materialistischen und naturalistischen Denkweise zu erklären. Und das steht im krassen Widerspruch zu allen menschlichen Erfahrungen und nicht zuletzt mit der unendlichen Komplexizität des Lebens. Aber diese Tatsachen werden unterdrückt. Insofern ist unsere heutige Gesellschaft mit dem Verhalten der Pharisäer sehr gut vergleichbar.

Kommen wir zum Text zurück. Es herrschte Zwietracht unter den Pharisäern. Als die Pharisäer sich dann aber fertig gestritten hatten, fragten sie den ehemals Blinden, was er über Jesus denken würde: „Was sagst du von ihm, dass er deine Augen aufgetan hat?“ Was für eine heikle und brenzlige Situation für den Geheilten! In Johannes 5 haben wir einen Gelähmten kennen gelernt. Er hatte viel Gnade erfahren. Aber er hatte keine Bereitschaft, sich den Konsequenzen dieser Gnade zu stellen. Im Vergleich mit dem Gelähmten hatte es der Blindgeborene aber noch viel schwieriger. In Kapitel 5 fing der Widerstand gegen Jesus erst an, sich zu regen. In Kapitel 9 hingegen war die Feindschaft Jesus gegenüber in voller Blüte. Es ging nur noch um die Frage, wann und wie Jesus beseitigt werden sollte. Inmitten einer solchen Menge stand der Geheilte. Er hatte es mit Menschen zu tun, die einen unverhohlenen Hass gegenüber Jesus hatten. Wie antwortete der Blindgeborene aber? Lesen wir in Vers 17b die Antwort: „Er aber sprach: Er ist ein Prophet.“ Diese Antwort ist zutiefst bemerkenswert.

Was können wir in dieser Antwort herauslesen? Zum einen, der Blindgeborene bekannte sich zur Gnade. Der ehemals Blinde hätte sich hier einfach rausreden können. Seine Begegnung mit Jesus war so kurz und so schnell. Er hätte sagen können, dass er Jesus nicht kannte. Er hätte sagen können, dass er Jesus noch nie gesehen habe und würde damit vermutlich sogar die Wahrheit sagen. Er hätte einfach die Aussage verweigern können: „ich sage nichts ohne meinen Anwalt.“ Aber er tat das nicht. Stattdessen bekannte er klar: „Er ist ein Prophet.“ Er ließ sich nicht durch die feindselige Atmosphäre einschüchtern. Ohne Furcht und Zagen antwortete er, dass Jesus ein Prophet sein musste. Sein Urteil über Jesus fiel eindeutig positiv aus. Seine Antwort war absolut respektvoll gegenüber Jesus. Und auf diese Weise bekannte er sich zu Jesus und dessen Gnade. Er brachte seinen aufrichtigen Wunsch zum Ausdruck, Jesus gegenüber loyal zu sein. Wie konnte er das tun? Wir werden im weiteren Verlauf des Textes sehen, dass er sich an die Gnade klammerte. Er ging von den Tatsachen der Gnadentaten Jesu aus. Infolge dessen überwog seine Dankbarkeit alle Furcht und Angst. Seine Freude überbot alle finsteren Elemente. Die Gnade in ihm überwand alle feindselige und giftige Atmosphäre, die in diesem Raum geherrscht haben muss. In aller Klarheit bekannte er sich also zur Gnade Jesu Christi.

Wir sehen als zweites, dass seine Antwort unvollständig war. Jesus ist ein Prophet, wie wir in 5. Mose 18,25 lesen: „Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern;“ Aber Jesus ist noch weit mehr als nur ein Prophet. Jesus ist der Christus. Nur er vereinigt in sich alle Ämter des Gesalbten: König aller Könige, Herr aller Herren, der wahre Hohepriester, der für uns in alle Ewigkeiten Fürbitte ablegt und der sich selbst für uns als Schlachtopfer Gott dargebracht hat, und der Prophet aller Propheten, der alle alttestamentlichen und neutestamentlichen Propheten überragt in seiner Weisheit, in seiner Kraft, in seiner Wirksamkeit und in seiner Predigt. Die Worte keines anderen Menschen haben die Welt so geprägt und verändert wie Jesu Worte. Jesus ist der Sohn Gottes. Die Antwort des Blindgeborenen war nicht vollständig, weil seine Erkenntnis noch nicht vollständig war. Er hatte Jesus noch nicht als Messias, als Herrn, als Heiland und als allumfassende totale Wahrheit kennen gelernt. Aber er tat, was er tun konnte. Er legte sein Zeugnis nach bestem Wissen und Gewissen ab.

Wie reagierten die Pharisäer? Vers 18: „Nun glaubten die Juden nicht von ihm, dass er blind gewesen und sehend geworden war, bis sie die Eltern dessen riefen, der sehend geworden war.“ In einer anderen Übersetzung lesen wir: „die Juden glaubten immer noch nicht…“ Die Beweislage war eigentlich eindeutig. Hier war ein Mensch, der fest behauptete, dass Jesus ihm das Augenlicht gegeben hatte. Die Nachbarn, die ihn vorher gesehen hatten und die anderen, die ihn als Bettler gekannt hatten, bezeugten, dass ein Wunder geschehen war. Aber es war den Pharisäern nicht genug. Sie blieben ungläubig. Wir sehen, dass Unglaube weder ein intellektuelles Problem noch ein Problem fehlender Beweislage ist. Es ist vielmehr ein Problem des Herzens. Mit anderen Worten, die Pharisäer konnten nicht glauben, weil sie nicht glauben wollten, ungeachtet aller Zeugenaussagen. Was taten sie also?

Sie gingen zu den Eltern des Blindgeborenen. Sie fragten: „Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wieso ist er nun sehend?“ Diese Frage klingt schon wie eine Einschüchterung. Die Eltern konnten nicht anders, als zu bekennen, dass der Blindgeborene ihr Sohn war. Sie konnten das absolut nicht ignorieren. Zu groß war ihr Schmerz damals gewesen, als er auf die Welt gekommen war. Zu groß war ihr Kummer gewesen, als sie erfahren mussten, dass es für Blindgeborene keine Hoffnung auf Heilung gab. Zu groß müssen ihre Sorgen für die Zukunft ihres Sohnes gewesen sein. Alles das kam zum Ausdruck, als sie sagten: „Wir wissen, dass dieser unser Sohn ist und dass er blind geboren ist.“ Aber sie konnten die Frage nicht beantworten, weshalb ihr Sohn sehend war. Betrachten wir Verse 22 und 23: „sie fürchteten sich vor den Juden. Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekenne, der solle aus der Synagoge ausgestoßen werden.“ Mit dem Zeugnis der Eltern blieb den Pharisäern nichts anderes übrig, als das übernatürliche Wunder zu akzeptieren. Wir wollen im zweiten Teil über den weiteren Verlauf des dramatischen Dialogs zwischen dem ehemals Blinden und den Pharisäern nachdenken.

Teil 2 Ein Festwerden oder Wachsen in Gnade (24-34)

Noch einmal wurde der ehemals Blinde vor die Pharisäer zitiert. Sie beschworen ihn: „Gib Gott die Ehre! Wir wissen dass dieser Mensch ein Sünder ist.“ Lesen wir die Antwort in Vers 25. „Er antwortete: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend.“ Dieser Mann wollte sich nicht auf theologische Diskussionen mit den Pharisäern einlassen. Es mag sein, dass Jesus nach ihrem Verständnis den Sabbat übertreten hatte. Aber darum ging es hier überhaupt nicht. Es ging hier vielmehr um die Tatsache, dass durch die Hand Jesu Christi ein übernatürliches Wunder geschehen war, und dass dieses Wunder eine vollmächtige Botschaft zugunsten der göttlichen Herkunft Jesu Christi war. Wir haben vorhin gesehen, dass die Pharisäer von einer falschen Grundannahme ausgingen. Sie waren so gefangen in ihrem Gedankengebäude, dass sie Tatsachen ignorierten, unter die Tische spielten oder gar zu beseitigen suchten. Das machte es für sie unmöglich, die Gnade zu erkennen. Der Blindgeborene aber hatte einen ganz anderen Ansatz. Er sagte: „eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend.“ Hier ist sein Lebenszeugnis. Er ging von Fakten und Tatsachen aus. Er bezeugte wer er vor der Begegnung mit Christus war. Und er bezeugte, zu welcher Person er nach der Begegnung mit Jesus verändert worden war. Sein Zeugnis ist kurz und prägnant und doch wirkungsvoll. In der Tatsache, was Jesus für ihn getan hatte, wurzelte sein Glaube. Hier war die Grundlage für seine Überzeugung. Hier war das Fundament für sein Vertrauen in Christus. Er konnte die Gnade erkennen, weil er von Tatsachen ausging und nicht von menschlichen Grundannahmen. Was sind die Tatsachen unseres Lebens? Von welchen Tatsachen gehen wir aus?

Wiederum fragten die Pharisäer ihn: „Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan?“ Der Blindgeborene antwortete: „Ich habe es euch schon gesagt und ihr habt’s nicht gehört! Was wollt ihr’s abermals hören? Wollt ihr auch seine Jünger werden?“ Dieser Mann wurde immer mutiger und aus Sicht der Pharisäer immer unverschämter. Voller Ironie fragte er sie: „Seid ihr auch solch Fans von Jesus, wie ich es bin?“

Während der Geheilte immer mutiger wurde, wurden die Pharisäer immer wütender. Vers 28: „Da schmähten sie ihn“, die Vulgata übersetzt hier sogar, dass sie ihn fluchten. Sie schimpften ihn: „Du bist sein Jünger; wir aber sind Moses Jünger. Wir wissen, dass Gott mit Mose geredet hat; woher aber dieser ist, wissen wir nicht.“ Die Pharisäer waren sich so sicher, dass Gott mit Mose geredet hatte. Aber hätten sie dann nicht auch wissen müssen, was Mose über Jesus gelehrt hatte? Matthew Henry kommentiert, dass sowohl Mose als auch Christus im gleichen Haus Gottes dienten: Mose als Diener, Christus als Sohn. Auf dem Berg der Verklärung waren Mose, Elia und Christus vereint. Wenn sie also echte Jünger Mose wären, dann hätten sie längst vor Jesus auf die Knie fallen müssen. Die Pharisäer hatten keine Ahnung woher Jesus kam. Aber wessen Schuld war das?

Und schließlich kam die Auseinandersetzung zu einem dramatischen Höhepunkt. „Der Mensch antwortete und sprach zu ihnen: Das ist verwunderlich, dass ihr nicht wisst, woher er ist, und er hat meine Augen aufgetan.“ Was er damit meinte war: „Seid nicht ihr die Experten? Ihr seid noch die Besserwisser und Alleswisser! Und ihr könnt mir noch nicht einmal sagen, aus welcher Autorität Jesus mir die Augen aufgetan hat. Ich gebe euch jetzt mal eine bessere Erklärung.“ Lesen wir auch die Verse 31-33: “Wir wissen, dass Gott die Sünder nicht erhört; sondern den, der gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den erhört er. Von Anbeginn der Welt an hat man nicht gehört, dass jemand einem Blindgeborenen die Augen aufgetan habe. Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun.“ Hier ist ein gewaltiges Plädoyer des geheilten Menschen für die Person Jesus Christus. Er  trägt sein Argument in drei Schritten vor.

Erstens, Gott erhört keine Sünder. Dieses Wort ist nicht zu verallgemeinern. Es bedeutet nicht, dass Gott generell nicht die Gebete von Sündern und Ungläubigen erhört. Es bezieht sich hier auf das Wunder. Was er damit meinte, ist, dass Gott falschen Propheten nicht dabei helfen würde, Wunder zu tun. Gott tut seine Werke und Wunder durch diejenigen, die ihn fürchten, oder wortwörtlich übersetzt, diejenigen, die ihn anbeten. Was er also damit sagte ist, dass Jesus auf alle Fälle in der rechten Beziehung zu Gott stand. Gott selbst musste an ihm Gefallen haben. Und Gott selbst segnete und bestätigte seinen Dienst auf Erden.

Zweitens, die Heilung eines Blindgeborenen ist ein absolut einmaliges Wunder. Der Blindgeborene war ein Analphabet. Er hatte nie eine schulische Bildung genießen können. Obwohl er aber nicht gebildet war, wusste er, dass es in der ganzen Menschheit keinen einzigen Präzedenzfall gab, in welchem ein Blindgeborener wieder sehen konnte. Er sagte „von Anbeginn der Welt“, und im Griechischen lesen wir ex ton äon, wortwörtlich: von Ewigkeit her. Er war sich der Tatsache bewusst, dass ein absolut einmaliges Wunder unter ihnen geschehen war. Es war ein einmaliges Ereignis, ein einzigartiges Zusammenspiel von göttlicher Allmacht und göttlicher Güte. Er war sich der Bedeutung des Wunders absolut bewusst.

Drittens, weil nun Jesus dieses Wunder tat, muss er von Gott sein. Mit einfacher Logik und etwas gesundem Menschenverstand kam er schließlich zur Schlussfolgerung: Jesus muss von Gott sein. Alles andere macht keinen Sinn. Alles andere ist mit der Schrift im Widerspruch. In Lukas 7,22 hatte Jesus gesagt: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht ärgert an mir.“ Mit anderen Worten, weil alle diese Werke unter ihnen geschahen, konnte man die Gewissheit haben, dass in Jesus Christus Gottes Reich mitten unter ihnen war.

Was für eine grandiose Entwicklung sehen wir hier! Wir sehen eine große Steigerung im Bekenntnis des Blindgeborenen zu Christus. Zu Beginn des Verhörs hatte dieser Mensch ihnen geantwortet, dass er nicht weiß, ob Jesus ein Sünder ist. Aber nun sagte er: „Wir wissen, dass Gott die Sünder nicht erhört.“ Und er folgerte ganz korrekt, dass Jesus kein Sünder sein konnte. Auf diese Weise wurde er immer fester in der Gnade. Gnade war in seinem Leben nichts Statisches. Sein Verständnis für die Gnade wurde immer klarer. Seine Überzeugungen wurden immer gewisser. In seinem Herzen wuchsen Furchtlosigkeit, Freimut und Freiheit des Evangeliums. Auch wenn alles im Laufe eines Dialogs und eines Tages stattfand, wuchs dieser Mensch in Gnade.

Mit seiner Rede hatte der ehemals Blinde die Pharisäer mundtot gemacht. Sie hatten keine sachlichen Argumente mehr dagegen. Stattdessen sagten sie: „Du bist ganz in Sünden geboren und lehrst uns?“ Dieses Wort war ein persönlicher Angriff auf ihn. Es war einfach nur noch wüste Beschimpfung. Sie sagten: „Du bist in Sünden geboren.“ Habt ihr verstanden, was die Pharisäer damit zum Ausdruck brachten? Letzte Woche hatten wir studiert, wie die Jünger Jesus gefragt hatten: „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ Sie brachten damit zum Ausdruck, dass alles Leiden auf Sünde zurück zu führen war. Schlimmer noch, sie glaubten an einen zornigen unversöhnlichen Gott, der Menschen körperliche Leiden zufügte, um sie für ihre Sünden zu strafen. Die Pharisäer hatten das gleiche Bild über körperlichen Leiden. Sie sagten ihm: „Die Tatsache, dass du behindert auf die Welt gekommen bist, zeigt doch, dass du vor Gott keinen Wert hast. Du ungebildeter, bettelnder, wertloser Sünder willst uns fromme, heilige, intellektuelle, religiöse Menschen belehren?“ Und schließlich stießen sie ihn hinaus. Sie schmissen ihn nicht einfach nur vom Tempel raus. Sie exkommunizierten ihn. Er verlor nicht nur seine Vorrechte am religiösen Leben wie Opfer und Tempelbesuch. Er verlor auch seine Rechte als jüdischer Bürger in der Gesellschaft. Er würde fortan als Verfolgter und Geächteter leben. Es war eine harte Bestrafung.

Teil 3 Volle Genüge durch Gnade (35-41)

Lesen wir gemeinsam den Vers 35. „Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn.“ Vers 35 ist unglaublich tröstlich. Es musste für den Blindgeborenen sehr, sehr hart gewesen sein, ausgestoßen zu werden. Er wurde der erste Mensch in der Bibel, der wegen seines Zeugnisses aus der Synagoge ausgestoßen wurden. Aber das Tröstliche war, dass Jesus davon wusste. Und Jesus kannte seinen Schmerz. Jesus kannte seine Enttäuschungen.

Das ist aber nicht alles. Vers 35 sagt weiter, dass Jesus ihn fand. Nicht der Blindgeborene fand Jesus. Es war anders herum. Jesus fand den Blindgeborenen. Jesus besuchte ihn. Jesus kam in dessen Not zu ihm. Die Initiative ging allein von Jesus aus. Und mit was für einer Freundlichkeit und Liebe besuchte Jesus ihn. Und wie half Jesus ihm? Er fragte ihn: „Glaubst du an den Menschensohn?“ Jesus forderte ihn zum Glauben an den Messias heraus. Wie antwortete der vormals Blinde: „Herr, wer ist’s?, dass ich an ihn glaube.“ Der Geheilte hatte Jesus noch nie gesehen. Er wusste nur vom Hörensagen, wer sein Heiler war. Nun begegnete er Jesus zum ersten Mal als sehende Person.

Lesen wir auch gemeinsam den Vers 37: „Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist’s.“ Bislang hatte der Blindgeborene Jesus als Wunderheiler und Prophet erkannt. Aber nun offenbarte sich Jesus ihm als der Sohn Gottes. Bislang hatte er von Jesus das physische Augenlicht erhalten. Aber jetzt sollte er durch Jesus auch das geistliche Augenlicht erhalten. Was fand er in Christus? In Jesus fand er das Licht der Welt, das gekommen war, seine Finsternis zu erleuchten. Er fand in Jesus die Wahrheit Gottes, mit welcher er alles in Einklang bringen konnte. Und er fand schließlich in Christus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.

Wir sind am Ende des Textes angekommen. Wir haben viel über Gnade gesprochen. Aber Gnade ist kein Single. Gnade ist seit jeher verheiratet, und zwar mit Apostelamt. Gnade ist immer verbunden mit Mission: wir dienen nicht der Mission um gerettet zu werden. Wir dienen der Mission, weil wir durch unverdiente Gnade gerechtfertigt wurden. Apostel Paulus schrieb: „Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.“ Wir dienen der Mission, in dem wir Studenten zum Bibelstudium einladen und in Tränen für ihre Errettung beten. Wir dienen der Mission, indem wir unser Leben und unser Herz ausschütten für die Erziehung von Jüngern. Wir dienen der Mission, indem wir der Stadt Heidelberg Bestes suchen und das tun, was zum Frieden, zum Shalom dieser Stadt dient. Das ist das Leben, zu welchem wir berufen sind.

Und was wir uns dabei wirklich zu Herzen nehmen müssen: aus Gnade zu leben bedeutet nicht, dass von nun an alles gut ist in unserem Leben. Das Gegenteil ist der Fall. In unserem Glaubensleben erfahren wir viele Niederlagen und bittere Enttäuschungen. Und oft erfahren wir Leiden nicht trotz der Gnade, sondern weil wir durch Gnade leben. Der Blindgeborene hatte alles richtig gemacht. Er hatte Jesus die Ehre gegeben und nach bestem Wissen und Gewissen Jesus bezeugt. Obwohl er alles richtig gemacht hatte, wurde er ausgestoßen. Wir mögen ebenfalls in alle möglichen Bedrängnisse kommen: Doppelbelastung von Schule und Nachfolge, Studium und Gemeinde, Beruf und Berufung, das Überwinden von Sprachproblemen und kulturellen Barrieren und Missverständnissen, familiäre Schwierigkeiten, Anfechtungen von innen und außen usw. Und die Frage bleibt: wie überleben wir dieses Kreuzfeuer?

Der ehemals blinde Mann hatte mit Bravour alle Verfolgungen und Anfeindungen überwunden. Er konnte ein wirksamer und treuer Zeuge für Christus sein. Das ist auch unser Ziel. Wir wollen ebenfalls um Christi willen alle Schwierigkeiten und Probleme unseres Hirten- und Missionslebens herausfordern. Wir wollen ebenfalls Zeugen Jesu Christi sein. Wie können wir zu unserem Zeugnis für Christus stehen? Die Antwort darauf lautet: ein tiefes Verankertsein in den Tatsachen der Gnade. Drei Punkte haben wir im heutigen Text über die Gnade gelernt. Wir sollen uns zur Gnade bekennen, wir sollen in der Gnade fest werden und wachsen, und wir sollen als drittes zur vollen Genüge durch die Gnade in Christus kommen. Der Blindgeborene verdankte Jesus sein Augenlicht. Wir hingegen verdanken Jesus unsere Ewigkeit.

Gerade deshalb stellt der Text einige sehr persönliche Fragen an uns: Wann war das letzte Mal bei dir, dass du so von der Gnade Jesu ergriffen warst, wie der blindgeborene Mann? Wann war das letzte Mal bei dir, als zu bekennen konntest: „eins aber weiß ich, nämlich dass Christus für mich am Kreuz gestorben ist und dass er auferstanden ist und dass er daher mein ein und alles ist? Was war das letzte Mal, dass die Gnade Jesu ein solches Feuer in deinem Herzen angezündet hatte, dass kein Regen der Trübseligkeiten es auslöschen und kein Sturmwind der Welt es ausblasen konnte? Wie sehr stehst du in der Gnade Jesu Christi? Wirst du heute so in der Gnade stehen, dass du mit Martin Luther sagen kannst: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir“?

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