Fragebogen: Lukas 5,12 – 26

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Deine Sünden sind dir vergeben

„Und als er ihren Glauben sah, sprach er: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben.“

(Lukasevangelium 5,20)

  1. Worum bat der Aussätzige, als er Jesus sah (12)? Was ist Aussatz? Was zeigen die Worte „Willst du“ und „so kannst du mich reinigen“ über seinen Glauben?
  2. Wie heilte Jesus den Aussätzigen (13)? Warum sagte er ihm, dass er es niemandem sagen und sich dem Priester zeigen sollte (14)? Was tat Jesus, als sich die Nachricht über ihn immer mehr verbreitete (15.16)?
  3. Wer saß da, während Jesus lehrte (17)? Was für einen Kranken wollten einige vor Jesus bringen (18)? Was taten sie, als sie keinen Zugang zu ihm fanden (19)?
  4. Was sah Jesus in ihnen (20a)? Was für eine Gnade verkündete er dem Gelähmten (20b)? Warum vergab Jesus ihm die Sünden?
  5. Was dachten die Schriftgelehrten und Pharisäer über Jesus (21)? Wie zeigte Jesus, dass er auf der Erde Vollmacht hat, Sünden zu vergeben (22-25)? Wie reagierten die Menschen (26)?
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Predigt: Lukas 5,1 – 11

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Jesus und Simon (Ich)

„Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“

(Lukasevangelium 5,10b)

In den letzten drei Wochen durften wir mehr über die Person Jesu erfahren und auch über seine Ziele, die er während seiner Zeit hier auf Erden verfolgte. Jesus war zuallererst einmal Sohn Gottes, denn es war Gott selbst, der bei der Taufe Jesu diese Worte aussprach: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“. Jesus war aber zur gleichen Zeit auch ganz Mensch. Ersichtlich wird das Menschsein Jesu an seinem Stammbaum. Denn der Stammbaum bezeugt, dass Jesus von Menschen abstammte. Weil Jesus ganz Mensch war, konnte er dementsprechend auch versucht werden. Wir erinnern uns an Jesu Begegnung mit dem Teufel in der Wüste, wo Jesus auf perfide Weise vom Teufel versucht wurde. Er überwand jedoch alle Versuchungen, die auf ihn einprasselten. Er widerstand allen Verlockungen, die der erste Mensch Adam nicht zu überwinden vermochte. In der Kraft des Heiligen Geistes kehrte er in seine Heimat zurück und fing dort an, die Menschen zu lehren und sie zu heilen.
An einem Sabbat wurde Jesus darum gebeten, in der Synagoge zu lehren. Dafür suchte er sich eine Stelle im Buch Jesaja aus, die er vorlas: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangen, dass sie frei sein sollten, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ Nachdem er diese Stelle vorgelesen hatte, sprach er: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ Jesus verkündete hier gewissermaßen die frohe Botschaft der Freiheit und der Heilung. Die Menschen aus seiner Heimat hingegen reagierten mit Ablehnung: „Ist das nicht Josefs Sohn?“ Und infolge ihrer Aufgebrachtheit führten Sie Jesus bis an einen Abhang. Dort wollten sie ihn hinunterstürzen. Jesus konnte daher nicht anders, als seinen Heimatort zu verlassen und gelangte von dort nach Kapernaum, einer Stadt am galiläischen Meer. Als er dort zu wirken begann, wurden die Menschen, die von bösen Geistern besessen waren, befreit. Die Schwiegermutter von Simon hatte Fieber, Jesus aber heilte sie. Zu Jesus wurden viele Menschen gebracht, die an verschiedenen Krankheiten litten. Jesus jedoch heilte jeden von ihnen persönlich und seine Bekanntheit und Beliebtheit nahm stark zu. Die Menschen, die Jesus aufsuchten, wollten ihn festhalten und daran hindern, dass er wegging. Jesus aber sagte zu ihnen: „Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium predigen vom Reich Gottes; denn dazu bin ich gesandt.“

Somit sind wir nun zu unserer heutigen Stelle angelangt sind. Die Perikope handelt vom berühmten Fischfang Simons. Neben Lukas berichtet kein weiterer Evangelist von diesem Ereignis. Es muss daher für ihn wichtig gewesen sein, von diesem Fischfang zu berichten. Dieser Fischfang bekräftigt die Lehre von Kapitel 3 und 4. Und zwar: Wer Jesus ist und welches Ziel er verfolgt. Lukas stellt uns Simon als ersten Jünger unter den Zwölfen vor. Simon wird unter anderem auch als erste Person vorgestellt, die auf das Wort Jesu auf die Art und Weise reagiert, wie es Jesus eigentlich von den Menschen erwartet hatte.
Die Nachfolge im Glauben, die Simon in der Perikope vorlebt, sieht Lukas als leuchtendes Beispiel und möchte vom Leser, dass er sich dies von Simon abguckt. Ja, Simon ist unser ein Vorbild, dem wir folgen sollen. Im heutigen Abschnitt möchten wir dies daher näher beleuchten.

Lukas merkt zu Beginn des Textes an, dass sich am Seeufer viele Menschen zu Jesus versammelten, um das Wort Gottes zu hören. Dabei nimmt er es mit der Anzahl der Boote sehr genau. Zwei Boote sieht Jesus am Ufer liegen. Und von den zwei Booten wählt er sich Simons Boot, in das er schlussendlich einsteigt. Dabei bittet er Simon ein wenig vom Ufer wegzufahren. Da sich viele Leute zu Jesus drängten, fiel es ihm schwer, alle Zuhörer zu erreichen. Erst als er vom Boot aus zu lehren begann, konnten ihn die Menschen am Ufer gut hören. Nach der Predigt sprach Jesus zu Simon: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ Bevor Jesus Simon darum gebeten hatte, noch einmal ein Stück rauszufahren, waren die Fischer eigentlich ausgestiegen, um ihre Netze für den nächsten Tag zu waschen. Simon stand gewissermaßen davor, Feierabend zu machen. Aber nun kam Jesus, der ihm vorschlug, etwas zu machen, dass nicht nur umständlich klang, sondern auch unlogisch war. Simon nämlich antworte: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ Nicht nur die Arbeit war schon getan, sondern der Fischfang war dabei auch erfolglos geblieben. Seiner Ansicht nach ergab es wenig Sinn, wieder hinauszufahren und die Netze auszuwerfen. Dennoch antworte Simon nicht ablehnend, sondern folgsam: „Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Trotz des vorangegangenen Misserfolgs, trotz der Müdigkeit und trotz der ungünstigen Zeit zum wiederholten Fischen wollte Simon auf das Wort Jesu hin wieder hinausfahren. Wenn seine Schwiegermutter oder seine Frau ihn dazu genötigt hätten, wieder hinauszufahren, wäre er der Anweisung wohl nicht gefolgt. Aber er respektierte Jesus, der mit Vollmacht das Volk lehrte. Wenn Jesus sprach, wurden die Menschen, die von bösen Geistern besessen waren, frei. Verschiedenste kranke Menschen wurden gesund, wenn Jesus seine Hände auf sie legte. Gerade dieser Jesus sprach zu ihm: „Fahre hinaus!“ Er hätte ablehnen können. Aber sein Respekt vor Jesus war groß, darum wollte er wieder hinausfahren. Wenn Jesus so sprechen würde: „Fahre hinaus!“, müsste es ihm gelingen, mit gefüllten Netze heimzukehren. Anstatt sich auf seinen Misserfolg zu konzentrieren, vertraute er auf Jesus, der zu ihm sprechen konnte: „Fahre hinaus!“ Wer könnte an diesem Morgen zu ihm sagen: „Fahre hinaus!“ Wenn jemand einen gesunden Verstand hat, würde er nie auf diese Idee kommen, dem Fischer zu sagen, der die ganze Nacht erfolglos gearbeitet hatte: „Fahre wieder hinaus!“ Jeder weiß, dass es Unsinn ist. Darüber hinaus hätte er damit Simon beleidigen können. Wer würde gerne auf solche Weise die Beziehung mit den Mitmenschen zerstören? Normalerweise spendet man einfach Trost oder lässt ein paar ermutigende Worte da: „Ruhe dich heute aus, morgen wird es anders werden.“

Aber Jesus, Gottes Sohn, sprach: „Fahre jetzt hinaus und werfe heute die Netze aus!“ Nur Jesus, Gottes Sohn, kann solche Worte sagen. Simon tat, womit Jesus ihn beauftragt hatte. Noch bevor er das Wunder mit eigenen Augen bezeugen konnte, warf er auf das Wort von Jesus hin seine Netze aus und durfte infolge Zeuge eines übernatürlichen Fischfangs werden, sodass die Netze anfingen zu reißen. Seine Gefährten, die im anderen Boot waren, gesellten sich dazu und halfen mit, die Netze zu ziehen. Am Ende waren beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Es war ein eindeutiges Wunder. Nachdem Simon das Wunder erlebt hatte, fiel er vor die Füße Jesu und sprach: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Er und alle anderen, die mit ihm waren, konnten sich nicht nur über den großen Fischfang freuen, sondern waren gleichermaßen erschrocken. Insbesondere Simon erkannte plötzlich, wie unwürdig er war, vor Jesus zu stehen. Darum bat er: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Obwohl Simon sich selbst als Sünder bezeichnete, sprach Jesus zu ihm: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“
Als Jesus in seiner Heimat Nazareth lehrte, reagierten die Leute dort ablehnend: „Ist das nicht Josefs Sohn?“ Wie ein Sprichwort sagt: „Arzt, hilf dir selbst!“, so haben die Leute Jesus abgelehnt, der zu ihnen kam, um ihnen zu helfen. Ihr Stolz konnte das nicht akzeptieren, dass Josefs Sohn ihnen helfen würde. Sich helfen zu lassen bzw. sich beraten zu lassen, kam für sie einer Demütigung oder einer Herabsetzung gleich. Simon hingegen fasste es nicht als Beleidigung auf, als er von Jesus hörte: „Fahre hinaus, wo es tief ist.“ Er gab auch zu, dass seine Arbeit der ganzen Nacht erfolglos war. Darüber hinaus nahm er den helfenden Rat Jesu an. Er ließ sich helfen. Vor Jesus führte er sich nicht als Besserwisser auf oder lehnte seinen Rat aufgrund eigener Berufserfahrungen nicht ab. Nein, er gab direkt zu, dass seine Arbeit trotz aller Mühe erfolglos gewesen war. Diese offene und demütige Haltung öffnete ihm die Augen, diese Haltung ließ ihn erkennen, dass Jesus der Herr und Gottes Sohn ist. Er erkannte, dass er unwürdig war, nahe bei Jesus zu sein. Vor allem erkannte er aber, dass er ein Mensch voller Sünde ist.
Vor etwa zehn Jahren predigte Henoch bei einem Weihnachtsgottesdienst in der Markusgemeinde über die Sünde. Dabei erklärte er, dass die Sünde der Zielverfehlung gleicht. Das heißt: das Ziel, welches vor einem lag, wurde nicht getroffen. Wenn Simon sich als sündigen Mensch feststellt, bekennt er damit, dass das eigentliche Ziel, das er zu treffen hat, nicht getroffen wurde. Durch den Fischfang finanzierte er seine Familie und kümmerte sich nicht nur um seine Frau, sondern auch um seine Schwiegermutter. Im Großen und Ganzen führte er mehr oder weniger ein normales Leben. Als er aber Zeuge von Jesu göttlicher Kraft wurde, merkte er, dass er in seinem Leben bislang falschen Zielen gefolgt war. Jesus sprach zu ihm: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Es ist eine prophetische Voraussage darüber, die Simon als einen Apostel und Evangelisten sieht. Simon wird das tun, was Jesus an seinem Leben getan hat. Nämlich Menschen zu fischen. Wie Jesus ihm geholfen hat, wird er Menschen zu Jesus führen, der wiederum auch bei den anderen Menschen Wunder bewirken wird. Nachdem Simon und seine Freunde das Wunder durch Jesus erlebt hatten, verließen sie alles und folgten ihm nach. Alles, was bislang im Zentrum ihres Daseins gestanden hatte, legten sie hinter sich. Nun stand Jesus vor ihnen.

Heute haben wir gesehen, wie der erste Jünger Simon von Jesus berufen wurde.
Nicht nur unter den Zwölf Aposteln war er der erste Jünger, auch unter allen Menschen war er derjenige, der als Erster auf das Evangelium mit Glauben reagierte. Als Jesus die Stelle von Jesaja vorlas, wurde offenbart, wie Jesus die Menschen retten wird. Lukas 4,18-19 „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ In diesen Versen wiederholt sich das Wort „verkündigen bzw. predigen“. Jesus rettet die Menschen, indem er ihnen das Evangelium verkündigt. Anders gesagt: Die Menschen werden gerettet durch das Hören des Evangeliums. Als Jesus sichtbar auf dieser Erde kam und direkt das Evangelium verkündigte, reagierten nicht alle Menschen gläubig. Unter anderem sagten die Leute in Nazareth: „Ist das nicht Josefs Sohn?“ Oder als Jesus am Kreuz langsam sterben musste, lästerte einer der Übeltäter, der am Kreuz hing: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ Nicht nur sie, sondern auch bis heute sagen viele Menschen zu Jesus: „Arzt, hilf dir selbst!“ Aber Simon glaubte, was Jesus verkündigt hatte. Dadurch wurde er von seiner Zielverfehlung gerettet. Seine Augen wurden aufgetan, sodass er sich selbst als ein Sünder erkennen konnte. Jesus schenkte ihm die Vergebung. Simon wurde ein Bürger vom Reich Gottes. Das Werk Jesu hat sich bis heute nicht geändert. Wer das Evangelium hört und daran glaubt, dem wird die Freiheit von der Sünde geschenkt. Noch heute will Jesus jedem von uns das Evangelium verkündigen. Wer sich selbst wie Simon demütigt und auf sein Wort hin handelt, der wird etwas Unfassbares und Wunderbares erleben. Wie die Luft allen Menschen gegeben wird, so wird auch das Evangelium allen Menschen geschenkt. Simon gibt uns heute ein Beispiel, auf welche Weise wir das Evangelium hören sollen. Das Evangelium ist höher als unsere Gedanken. Das Evangelium ist tiefer als unsere Misserfolge. Das Evangelium ist größer als unsere Erfahrungen. Jesus will unser Herr sein, darum ruft er uns zur Nachfolge. Willst du Jesus nachfolgen?

Unter uns gibt es sicher einige, die gerade das Evangelium hören. Viele unter uns haben schon lange das Evangelium gehört. Aber die Wirkungsweise ändert sich nicht. Jeder von uns kann durch das Hören der Frohen Botschaft zum Glauben kommen und durch den Glauben an das Evangelium gerettet werden. Darum vollbringt Jesus nicht zuerst Wunder, sondern verkündigt das Evangelium, damit jeder durch das Hören zum Glauben kommen kann. Was willst du heute auf sein Wort hin tun? Auf sein Wort hin können wir unsere Zukunft in die Hand Gottes legen. Auf sein Wort hin können wir die Zukunft unserer Kinder in die Hand Gottes legen. Auf Jesu Wort hin können wir sagen: Ich bin seine geliebte Tochter. Ich bin sein geliebter Sohn. Auf sein Wort hin können wir zu unseren Mitmenschen sagen: „Entschuldigung! Vergib mir meine Schuld.“ Auf sein Wort hin dürfen wir zu Gott sagen: „Ich bin ein sündiger Mensch. Vergib mir.“

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Fragebogen: Lukas 5,1 – 11

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Von nun an wirst du Menschen fangen

„Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“

(Lukasevangelium 5,10b)

  1. Was sah Jesus, als er am Ufer vom See Genezareth stand (1.2)? Um welche Hilfe bat Jesus Simon (3a)? Wie reagierte Simon auf Jesu Bitte (3b)?
  2. Welche Anweisung gab Jesus Simon, als Jesus aufgehört hatte zu reden (4)? Was macht es schwer, dieser Anweisung zu gehorchen (5a)? Wie gehorchte Simon aber (5b)?
  3. Was für ein wunderbares Ereignis geschah auf dem See, als Simon die Netze auswarf (7)? Wie reagierte Simon Petrus, als er die riesige Menge Fische sah (8)? Was hat zu dieser Reaktion geführt (9.10a)?
  4. Was sagte Jesus zu Simon (10b)? Was bedeutet „Fürchte dich nicht“, „Von nun an“ und „du wirst Menschen fangen“? Was lernen wir von den Jüngern, die dem Ruf Jesu gefolgt sind und dafür alles aufgegeben haben (11)?
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Predigt: Lukas 4,16 – 30

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Das Jahr der Gnade

„Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“

(Lukasevangelium 4,21)

Ich gehe davon aus, dass die meisten von euch noch nie auf einem wissenschaftlichen Kongress waren. Und deshalb meine kurze Beschreibung: sie sind langweilig. Für Wissenschaftler, für Nerds kann es natürlich interessant sein. Aber eigentlich ist es einfach nur ein Vortrag nach dem anderen. Nach drei Tagen kann man weder die Vorträge noch die Vorträger auseinanderhalten, weil es zu viel Information ist. Es braucht da schon etwas sehr Außergewöhnliches, damit man sich Jahre später noch daran erinnert. Und so etwas Besonderes gab es auf einer Konferenz vor 10 Jahren: Eine Harvard-Professorin gab einen Vortrag. Ein anderer berühmter Forscher, der von vielen auf diesem Gebiet als der größte Experte angesehen wird, stellte im Anschluss eine kritische Frage. Sie gab eine ausführliche und sehr eloquente Antwort auf seine Frage. Nachdem sie fertig war, schimpfte er nur: „Das ergibt überhaupt keinen Sinn!“, und setzt sich. Ein Mini-Affront.
Im heutigen Text haben wir es nicht mit einem Mini-Affront zu tun. Was dort passiert, war ein Riesen-Affront. Wir lesen heute von Jesu Auftritt in einer kleinen Synagoge in Nazareth. Aus alten jüdischen Quellen wie die Mischna wissen wir, wie der Gottesdienst ungefähr abgelaufen ist: zuerst wurde im Gottesdienst ein Psalm gesungen, die Shema gelesen, die 18 Segnungen wurden rezitiert (oder andere Gebete). Dann wurde aus dem Gesetz ein Ausschnitt gelesen, und zwar auf Hebräisch. Weil die meisten Menschen kein Hebräisch konnten, wurde der Text dann auf Aramäisch übersetzt. Es folgte dann eine Lesung aus den Propheten mit der entsprechenden Übersetzung. Dann wurde die Predigt gehalten. Zum Schluss gab es den Segen vom Synagogenleiter.
An diesem Sabbat war Jesus eingeladen, zu lesen und zu predigen. Der Text sagt, dass Jesus zum Lesen aufstand. Er bekam die Jesaja Schriftrolle gereicht. (Fun Fact: eine der wichtigsten biblischen archäologischen Funde waren die sogenannten Qumran Rollen vom Toten Meer. Der größte Sensationsfund war eine relativ vollständige Schriftrolle vom ganzen Buch Jesaja, ungefähr aus der Zeit Jesu. Das zeigt, dass das ganze biblische Buch auf eine Rolle passte.) Jesus stand und las aus Jesaja 61 vor: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, / damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ Nach der Lesung setzte er sich. Damals war es üblich, dass die Prediger saßen, und die Zuhörer standen.
Und dann hielt Jesus eine Predigt, die in der Form, wie Lukas es überliefert, nur einen einzigen Satz lang ist: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Mehr brauchte Jesus nicht zu sagen. Nach dieser Rede war die Welt schon eine andere. Jesus sagt, dass sich das Wort der Schrift an diesem Tag erfüllt hat. Ziemlich krasse Predigt.
Über drei Dinge wollen wir dann heute nachdenken:
1. Was hat sich erfüllt? 
2. Für wen hat sich die Schrift erfüllt?
3. Wie hat sich die Schrift erfüllt?

1. Was hat sich erfüllt?
In gewisser Weise ist dieser öffentliche Auftritt Jesu wie eine Zusammenfassung vom ganzen Evangelium. Robert Stein, der einen sehr schönen Kommentar zu Lukas geschrieben hat, sagte folgendes: „Lukas beginnt seine Darstellung des Dienstes Jesu mit dem Bericht über die erste Predigt Jesu. Diese Predigt ist sehr wichtig, denn sie ist programmatisch, und Lukas gibt seinen Lesern darin Jesu eigene Beschreibung seiner Mission und seines Dienstes.“ So vieles, was sich im restlichen Evangelium entfalten wird, sehen wir bereits im Keim angelegt.
Was hat sich dann also erfüllt? Vers 18 sagt, dass den Armen frohe Botschaft verkündigt wird; dass den Gefangenen Entlassung verkündigt wird; dass die Blinden ihr Augenlicht bekommen; Unterdrückte bekommen ihre Freiheit. Und dann sagt Jesus: „ein Jahr der Gnade des Herrn auszurufen.“ Was bedeutet das Jahr der Gnade? In 3. Mose 25 gibt Gott den Israeliten Anweisungen, dass alle sieben Jahre ein Sabbatjahr stattfinden soll. Im siebten Jahr sollte keine Landwirtschaft betrieben werden. Die Israeliten sollten von dem leben, was sie im Jahr vorher erwirtschaftet hatten. Das ist nicht alles. Alle sieben Sabbatjahre, also nach 49 Jahren, fand ein weiteres Sabbatjahr statt. Wir lesen in 3. Mose 25,10: „Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren.“ In diesem Jahr sollten alle Sklaven unter den Israeliten freigelassen werden. Jeder, der seinen Besitz aus finanziellen Gründen verloren hatte, sollte zurück zu seinem Besitz kommen. Es war ein Jahr der Freiheit von Armut und Unterdrückung.
Trotz der detaillierten Anweisungen zu diesem besonderen Sabbatjahr finden wir im weiteren AT keine wirkliche Erwähnung davon. Es scheint so, als ob dieses Gnadenjahr nicht praktiziert wurde, wie ein Versprechen, das nie eingelöst wurde. Vielleicht war es in der Zwischenzeit in Vergessenheit geraten. Jesus tritt in seiner Heimat Nazareth auf und verkündet, dass das Gnadenjahr jetzt angebrochen ist. Jetzt ist das besondere, doppelte Sabbatjahr. Es bedeutet nichts anderes als dass Jesus gekommen ist, um uns zu retten. Die Erfüllung der Schrift bedeutet, dass durch Jesu Kommen und sein Wirken eine Zeit der Rettung angebrochen ist.
Bevor wir fortfahren, möchte ich ganz kurz versuchen zu zeigen, wie relevant der Text heute ist. Wenn wir andere evangelisieren und sagen, dass Jesus gekommen ist, sie zu retten, bekommen wir oft zu hören „Nein Danke. Ich brauche keine Rettung.“ Tatsächlich ist es aber so, dass jeder Mensch Rettung sucht, weil jeder Mensch Rettung braucht. Wir nennen es nur nicht so. Was uns Menschen eint, ist, dass wir alle auf der Suche nach einem glücklichen und gesegneten Leben sind; wir alle wollen ein Leben mit Sinn und mit Bedeutung; wir alle wollen Würde und Ehre; wir alle haben Hoffnung auf etwas; wir alle wollen die Liebe unseres Lebens; wir alle wünschen uns Sicherheit und Versorgung; wir alle wünschen uns Gerechtigkeit und Fairness. Alle diese Wünsche sind nichts anderes als der Ausdruck unseres Bedürfnisses nach Rettung.
Der Grund, weshalb wir Rettung brauchen, ist, weil alle diese Dinge, die ich gerade aufgezählt habe (Glück, Sinn, Würde, Hoffnung, Liebe, Sicherheit, Gerechtigkeit), nicht in unserer Hand liegen. Wir können das nicht kontrollieren. Wir können den ein oder anderen Schritt tun, um das ein oder andere zu begünstigen. Aber am Ende des Tages haben wir es überhaupt nicht in der Hand. Niemand von uns kann kontrollieren, wie der Krieg in der Ukraine ausgeht. Niemand von uns kann kontrollieren, wie schlimm die Inflation noch werden wird. Wir können weder die Erdgaskosten kontrollieren, noch die Preise für Sonnenblumenöl. Und das sind ja noch die trivialen Dinge. Unser Wohlergehen ist außerhalb dessen, was wir bestimmen können. Wir sind nicht die Schmiede unseres eigenen Glücks. Wir alle sind auf Rettung von außen angewiesen.
Die Rettung, die Jesus bringt, ist die Rettung von Sünde. Sünde ist ein persönliches Problem. Die Bibel sagt, dass jeder individuelle Mensch ein Sünder ist und Rettung braucht. Aber Sünde ist nicht nur ein persönliches Problem. Es ist auch ein gesellschaftliches und ein globales Problem. Es äußert sich in ungerechten und schlechten Systemen, in denen wir unser Leben führen. Sünde ist natürlich ein geistliches Problem. Aber es ist nicht nur ein geistliches Problem, sondern hat auch ganz praktisch mit unserem Körper zu tun. Sünde ist natürlich ein moralisches Problem. Aber Sünde ist nicht nur ein moralisches Problem, sondern auch ein soziales Problem. Wir sehen das im heutigen Text. Es sind von den Armen die Rede, von den Gefangenen, den Blinden, den Unterdrückten. Sünde zerstört Beziehung mit Gott. Sünde zerstört die Beziehungen der Menschen untereinander. Sünde zersetzt unsere Gesellschaft, zerbricht unseren Körper, zerstört unser Wohlbefinden und führt am Ende zum Tod.
Wir brauchen Rettung. Natürlich brauchen wir Rettung. Und ich hoffe, dass wir verstehen, dass wir Rettung in jeglicher Hinsicht brauchen: Rettung unserer Seele und Rettung unseres Verstandes, unseres Körpers, unserer Beziehungen, unserer Gesellschaft, unseres Landes, unserer Umwelt und unseres Planeten. Die gute Nachricht ist, dass Jesus uns genau diese Rettung anbietet. Jesu Rettung ist nicht minimalistisch. Jesu Rettung ist nicht eindimensional. Jesu Rettung umfasst alles, alles, was es zu einem Leben braucht, das wirklich lebenswert ist. Das ist das Wort und das Versprechen, das sich durch Jesu Kommen erfüllt hat.

2. Für wen hat sich die Schrift erfüllt?
Wir haben in Vers 18 gesehen, dass die Empfänger der frohen Botschaft die Armen sind. Es sind die Armen im erweiterten Sinne: die Gefangenen, die Blinden und die Unterdrückten. Aber was genau bedeutet das? Und wer ist damit gemeint? Wir finden ein paar Hinweise in den folgenden Versen. Verse 25-27: „Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.“
Jesus spricht von armen und bedürftigen Menschen. Witwen hatte ich schon öfters gesagt, waren ein Inbegriff der Bedürftigkeit. In der Regel waren sie auf Hilfe angewiesen. Jesus sagte, dass es viele Witwen in Israel gab. Keine von ihnen hatte das Privileg, den Propheten Elia aufnehmen zu dürfen. Ausgerechnet eine heidnische Witwe. Naaman war materiell gesehen ein extrem wohlhabender Mensch. Aber er litt an einer unheilbaren Krankheit. In Israel gab es einige Aussätzige, die nicht nur unheilbar krank waren, sondern auch noch weniger Geld hatten. Die Heilung bekam ausgerechnet ein Heide; nicht nur ein Heide, sondern einer von den Feinden Israels. Was für ein Skandal! Die Zuhörer von Jesu Worten müssen sich gefragt haben: „Was hat denn diese Heiden so viel besser gemacht als die Israeliten? Was hatten sie, was wir nicht haben?“ Die Antwort auf diese Frage lautet: nichts. Die Heiden waren keinen Millimeter besser. Und sie hatten nichts, was die Israeliten nicht auch hatten.
Wenn Gottes frohe Botschaft den Armen gilt, warum ist Gott so selektiv mit den Armen? Zwei Punkte müssen wir hier erwähnen. Der erste Punkt ist, dass mit Jesu Kommen das Reich Gottes prinzipiell allen Menschen offensteht. Vers 21 sagt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Jesus sagt: „das Schriftwort, das ihr eben gehört habt.“ Dieses Wort ist für euch. Es ist für uns, die wir gerade eben dieses Wort gehört haben. Das Reich Gottes steht grundsätzlich allen Menschen offen. Alle, die wollen, dürfen und sollen kommen.
Der andere Punkt ist, dass es geistliche Armut braucht. Was ist geistliche Armut? Wie so oft hat es Tim Keller wunderbar erklärt. „Es bedeutet, zu erkennen, dass du vor Gott tief in der Schuld stehst und dass du nicht einmal ansatzweise in der Lage bist, dich selbst zu erlösen. Gottes kostenlose Großzügigkeit, die ihn unendlich viel gekostet hat, war das Einzige, was dich gerettet hat. Was aber, wenn du nicht geistlich arm bist? Das würde bedeuten, dass du nicht glaubst, dass du so sündig, moralisch bankrott und verloren bist, dass nur kostenlose Gnade dich retten kann. […] Du glaubst, dass Gott dir etwas schuldig ist – er sollte deine Gebete erhören und dich für die vielen guten Taten segnen, die du getan hast. Auch wenn die Bibel diesen Begriff nicht verwendet, können wir daraus schließen, dass du zur geistlichen „Mittelklasse“ gehörst. Du hast das Gefühl, dass du dir durch deine harte Arbeit einen gewissen Status bei Gott verdient hast. Vielleicht glaubst du auch, dass der Erfolg und die Mittel, die du hast, in erster Linie auf deinen eigenen Fleiß und deinen Einsatz zurückzuführen sind.“
Das Problem ist oftmals, dass wir mit einer Mittelklasse-Haltung zu Gott kommen statt mit geistlicher Armut. Das Evangelium ist für die Armen: für die geistlich Armen. D.h., wir erkennen die Tatsache an, dass das, was wir vor Gott haben müssen, nichts ist; was wir bedürfen, ist Bedürfnis; was wir brauchen, ist Not. Wenn dem so ist, dann hat sich Jesu Wort auch für uns erfüllt. Wir können eintreten in Gottes Heilungsprozess und in seine neue Welt.

3. Wie hat sich die Schrift erfüllt?
Vorhin habe ich gesagt, dass der heutige Text wie eine kleine Zusammenfassung von Jesu öffentlicher Wirksamkeit ist. Was erstaunt, ist, dass wir von Anbeginn Hinweise auf Jesu Tod finden. Robert Stein schreibt, dass das Kreuz von Anfang an seinen Schatten über Jesu Wirksamkeit warf. Wir sehen das zum einen in der gewalttätigen Reaktion der Zuhörer. Vers 29: „Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen.“ Die Ablehnung Jesu durch die Menschen in Nazareth ist prophetisch. Wir sehen hier bereits, wie die ganze Welt ihn ablehnen würde. Sie trieben Jesus aus der Stadt hinaus. Wenige Jahre später würde er wieder aus der Stadt hinausgetrieben werden, um draußen ans Kreuz gehängt zu werden.
Wir finden noch einen Hinweis auf Jesu Tod. Diejenigen unter euch, die diesen Text vorher studiert haben, haben vielleicht einen Vergleich zwischen dem originalen Jesaja-Text und dem Text hier gemacht. Es gibt ein paar Unterschiede. Der gravierendste Unterschied ist vielleicht der eine Zusatz, den Jesus in Lukas-Evangelium auslässt. In Jesaja 61,2 lesen wir: „um ein Gnadenjahr des HERRN auszurufen, / einen Tag der Vergeltung für unseren Gott.“ Elberfelder-Übersetzung sagt hier „Tag der Rache für unseren Gott“. In Jesaja ist von Gottes Gericht die Rede. Jesus ruft Gottes Gnadenjahr aus, aber lässt den Tag der Vergeltung weg.
Vielleicht hatte Jesus den Tag des Gerichts mit Absicht unerwähnt gelassen. Vielleicht fehlt dieser Zusatz hier, weil Jesus wusste, dass Gottes Vergeltung ihn treffen würde. Jesus ist gekommen, um uns vollständig zu retten: frohe Botschaft für die Armen, Entlassung der Gefangenen, Heilung der Kranken, Freiheit für die Unterdrückten. Die Art und Weise wie sich dieses Wort erfüllt und die Art und Weise wie er uns rettet, ist, in dem er selbst arm wird. Jesus gibt seinen ganzen Besitz auf, er wird für uns gefangen genommen, er trägt alle unsere Krankheit, er wird für uns zerschlagen. Jesus wird für uns gerichtet. Er empfängt die Vergeltung Gottes, weil er am Kreuz betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Jesus rettet, indem er die Stelle einnimmt, die wir verdient hätten, damit wir die Position einnehmen können, die nur er verdient hätte, als Gottes geliebte Kinder und Miterben von allen Verheißungen Gottes.
Die drei Fragen zu Beginn waren: Was hat sich erfüllt? Antwort: Jesus ist gekommen, um uns zu retten. Für wen hat sich das Wort erfüllt? Antwort: für die Armen, die bereit sind, sich auf Gottes Gnade einzulassen. Wie hat sich das Wort erfüllt? Antwort: indem Jesus für uns am Kreuz bezahlt.
Zwei Anwendungen zum Schluss. Der Text zeigt uns, wie umfangreich unsere Mission ist. Die Mission ist umfangreich, weil Gottes Reich umfangreich ist. Gott will eine neue Schöpfung und er lädt uns dazu ein, uns daran zu beteiligen. Jesus hat uns den Auftrag gegeben, an seiner Rettungsmission teilzunehmen. Ganz grob gesprochen besteht die Mission darin, das Evangelium zu predigen und sich um die Armen zu kümmern. Das Problem ist, dass viele Christen heutzutage nur eines von beiden adressieren. Extrem vereinfacht gesprochen gibt es christliche Institutionen, die ganz stark sind, sich um die Armen zu kümmern, Kindergarten und Schulen zu betreiben, viele wohltätige und karitative Arbeiten zu übernehmen; und es gibt christliche Gemeinden, die sich ganz darauf verschrieben haben, das Evangelium zu predigen. Der Text sagt uns, dass beides getan werden muss. Nur das eine zu tun und das andere zu lassen, ist vielleicht ungefähr so, wie mit einem Bein zu gehen. Die frühe christliche Gemeinde war bekannt dafür, beides zu tun. Es gab in der Antike keine Gemeinschaft, die sich so aufopferungsvoll um die Armen, die Kranken und die Unterdrückten gekümmert haben, wie die Christen. Ihre Großzügigkeit und Liebe zu den Armen ist geschichtlich dokumentiert. Es war das Markenzeichen der Christen. Frage: sind wir ebenfalls bekannt dafür? Was können wir individuell und als Gemeinde tun, um Teil von Jesu umfangreicher Rettung zu sein?
Zweite Anwendung, Jesus gebührt alle Anbetung unabhängig von unseren Bedürfnissen. Um das mit einer einfachen Illustration zu erklären: wer von euch findet ein Glas abgestandenes Leitungswasser attraktiv? Wer von euch findet eine Butterbrezel vom Vortag attraktiv? Was wir attraktiv finden, hängt sehr mit den Bedürfnissen zusammen, die wir gerade haben. Wenn wir gerade gut gefrühstückt haben, finden wir das nicht so anziehend. Wenn wir im Sommer den ganzen Tag nicht getrunken oder drei Tage nicht gegessen haben, dann können wir uns nichts Leckereres vorstellen. In Psalm 131 schreibt David: „Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie das gestillte Kind, so ist meine Selle in mir.“ Wir alle sind mit dem Bild vertraut. Natürlich liebe Babys ihre Mütter, weil Mütter diejenigen sind, die das Kind mit Nahrung versorgen. Aber was ist mit Babys, die bereits gestillt sind? Ein Baby, das bereits satt ist, ist bei der Mutter nicht deshalb, weil es noch mehr essen will; es ist bei der Mutter, um die Mutter selbst zu haben.
Fakt ist, dass Jesus die Antwort auf alle unsere Bedürfnisse ist. Er ist derjenige, der gekommen ist, um unseren Hunger zu stillen, unseren Durst zu löschen, unsere Krankheit zu heilen, unser Leben mit Bedeutung und Hoffnung zu erfüllen, uns selbst mit Würde und Ehre zu krönen. Wir können zu Jesus mit all unseren Lasten und Sorgen; wir können zu ihm mit all unseren Zukunftsängsten; wir können zu ihm mit all unserer Schuld! Allein diese Tatsache macht Jesus in unseren Augen attraktiv und anziehend. Er ist unser Retter. Aber ich möchte hier gerne argumentieren, dass die Schönheit Christi völlig unabhängig von unseren Bedürfnissen ist.
Jesus ist die ultimative Erfüllung der ganzen Schrift. Wer ist so wie er? Im weiteren Verlauf des Evangeliums sehen wir eine Person, die unendlich faszinierend ist, immer überraschend, nie langweilig. Jesus ist heilig ohne verstaubt zu sein, er ist weise ohne besserwisserisch zu sein, er ist König ohne herrschsüchtig zu sein. Er ist jung ohne naiv zu sein, alt ohne senil zu sein, immer hoffnungsvoll ohne realitätsfremd zu sein. Er hat eine friedvolle Gelassenheit, auch dann, wenn er aufbrausend ist. Er ist allmächtig und schläft vor Erschöpfung inmitten eines tobenden Sturms auf dem Boot ein. Vor allen Dingen ist er die personifizierte Liebe Gottes, der für seine Feinde stirbt und am Kreuz die Herrlichkeit der Liebe Gottes demonstriert. Ich kann mir keine andere Person vorstellen, die so anziehend und so faszinierend und so wunderbar ist wie Jesus. Jesus ist würdig und schön, ganz egal welche Bedürfnisse wir haben. Jesus ist herrlich, ganz egal, was wir brauchen, und gleichzeitig ist er alles, was wir brauchen. Er ist nichts weniger als das wahre Objekt unserer Anbetung und Verehrung.

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