Predigt: 1. Mose 4,17 – 5,32

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Menschlicher Fortschritt und die Suche nach Gott

„Lamech war 182 Jahre alt und zeugte einen Sohn und nannte ihn Noah und sprach: Der wird uns trösten in unserer Arbeit und der Mühsal unserer Hände auf dem Acker, den der HERR verflucht hat.“

(1. Mose 5,29)

Der heutige Text könnte auf dem ersten Blick etwas langweilig erscheinen. Wir haben zwei Stammbäume mit vielen Namen, die uns nicht so viel sagen scheinen. Der eine Stammbaum ist von Kain, der – wie wir letzte Woche gesehen haben – ein Brudermörder ist; kein angenehmer Zeitgenosse. Der andere Stammbaum ist von Set, der eher fromm gewesen zu sein scheint. Eine naheliegende Herangehensweise wäre, die beiden Stammbäume miteinander zu vergleichen und zu kontrastieren. Und wenn man so veranlagt ist, würde man vielleicht dazu neigen zu sagen, dass der eine Stammbaum weltlich ist, während der andere geistlich ist; der eine scheint gottlos zu sein, der andere gottesfürchtig; der eine eher negativ, während der andere eher positiv ist. Persönlich glaube ich, dass das zu vereinfacht ist. Der Autor von Genesis scheint wesentlich differenzierter zu sein. In beiden Stammbäumen geht es um Menschen. Und immer, wenn wir es mit Menschen zu tun haben, dann haben wir es mit Problemen zu tun, weil alle Menschen Probleme haben und problematisch sind. Kein Mensch ist nur gut. Gleichzeitig ist kein Mensch nur schlecht.
Ich würde folgende drei Punkte vorschlagen, über die wir nachdenken können: erstens, was wir erreicht haben; zweitens, worin wir versagt haben; drittens, was Gott für uns tut.

Erstens, was wir erreicht haben
In Kains Stammbaum sehen wir einige erstaunliche Errungenschaften, menschlicher Zivilisation. Wir finden gleich die erste Errungenschaft in Vers 17: „Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.“ Der Fluch auf Kain war, dass er keine Ruhe haben würde. Hier in Vers 17 baut er eine Stadt. Es ist die erste Siedlung, die in Genesis erwähnt wird. Vielleicht ist das ein Ausdruck von Kains Wunsch, Ruhe zu finden. Seit jeher verkörpern Städte das Größte, was menschliche Zivilisation hervorbringen kann. Wenn wir uns mit den größten und besten Errungenschaften unserer Gesellschaft auseinandersetzen wollen, dann müssen wir in eine der Metropolen: Berlin, Hamburg, München, Köln. Dort befinden sich die größten Museen, dort leben die meisten Künstler, dort befinden sich die größten Opern, Theater und Konzertsäle. Die Städte bestimmen, was in ist und was out. Und in den Städten ist das Zentrum politischer Macht, egal ob Paris oder Moskau oder Seoul. Natürlich war die Stadt von Kain nicht vergleichbar mit New York. Kains Stadt war noch nicht einmal vergleichbar mit Heidelberg. Aber wir sehen hier den ersten Keim menschlicher Zivilisation. Wir sehen hier den ersten Spatenstich von New York und Tokyo.
Viele Christen scheinen gewisse Vorbehalte gegen Städte zu haben. Städte sind etwas suspekt. Weil die Stadt das Größte beherbergt, was Menschen hervorbringen können, finden wir sowohl das Beste wie auch das Schlechteste, was Menschen vollbringen können. In den USA hat man das Phänomen, dass die meisten evangelikalen Christen auf dem Land leben, während die Städte fast durchgehend säkular sind. Wir sollten uns aber dessen bewusst sein, dass Städte an und für sich gut sind. Und wir sollten uns darüber im Klaren sind, dass Gott Städte am Herzen liegen. Tim Keller hat das folgendermaßen begründet: Auf dem Land gibt es mehr Tiere als Menschen. Städte hingegen sind Orte, wo es mehr Menschen als Tiere gibt. Weil Gott Menschen mehr liebt als er Tiere liebt, muss Gott Städte mehr lieben als das Land.
Welche weiteren bedeutenden Fortschritte sehen wir? In Vers 19 begegnen wir Lamech. Lamech hatte sich zwei Frauen genommen. Es ist die erste Erwähnung einer Vielehe. (Das ist kein Fortschritt). Beide Frauen hatten Kinder. Alle Kinder von Lamech brachten Erstaunliches hervor. Drei besondere Errungenschaften sehen wir hier: Viehzucht, was wiederum voraussetzt, dass Menschen überhaupt anfingen, wilde Tiere zu isolieren, zu halten und zu domestizieren. Die nächste Errungenschaft sind Musikinstrumente: Zither und Flöten. Falls es bis dahin keine Musik gab, wurde sie erfunden. Falls es vorher Musik gab, fand die Musik ganz neue Ausdrucksformen. Die dritte Errungenschaft ist das Schmiedehandwerk. Das war natürlich die Grundlage für richtiges Werkzeug wie auch für Waffen aller Art. Alle drei gehören mit zu den größten Leistungen der frühen Menschheitsgeschichte.
Interessant ist auch, dass Kains Stammbaum Frauen erwähnt, während der Stammbaum von Set keine einzige Frau erwähnt. In Vers 22 lesen wir: „Und die Schwester des Tubal-Kain war Naama.“ Wir wissen nicht, weshalb die Schwester von Tubal-Kain erwähnt wird. Vielleicht liegt das an einer gewissen Symmetrie: zwei Kinder von der einen Frau und zwei Kinder der anderen Frau. Vielleicht war Naama auch für irgendwelchen Großtaten bekannt wie der Rest ihrer Familie.
Alle drei Erfindungen, das Domestizieren von Tieren, die Musik und das Schmiedehandwerk sind an und für sich gute Dinge. Die Frage ist, warum alle diese Dinge bei Kains Nachkommen erwähnt werden und keines davon bei den Nachkommen von Set. Ich denke nicht, dass es daran liegt, dass Sets Nachkommen nichts geleistet haben. Aber vielleicht ging es dem Autor der Genesis auch darum zu zeigen, dass Kains Nachkommen zu großen Taten in der Lage waren.
Was können wir daraus mitnehmen? Wir leben in einer Welt, in der wir die Früchte technologischer und wissenschaftlicher Durchbrüche genießen können. Fast jeder von uns hat ein Smartphone in der Tasche. Viele sehen das Smartphone als die größte technische Erfindung des 21. Jahrhunderts. Wenn wir unterwegs sind und uns in der Gegend nicht auskennen, dann benutzen wir Googlemaps mit einem GPS. Es sind für uns Selbstverständlichkeiten, und wir vergessen zu leicht, wie viele technische und wissenschaftliche Durchbrüche dafür notwendig waren. Zum Beispiel könnten wir ohne Einsteins Relativitätstheorie kein GPS benutzen.
Eine wirklich bahnbrechende Entdeckung in der Medizin sind Impfstoffe. Noch vor 150 Jahren war es durchaus normal, dass eine Familie fast die Hälfte der Kinder im Kleinkindalter verloren hat. Wir können uns das kaum vorstellen wie es wäre, wenn bis zur Hälfte der Kinder unserer Gemeinde jetzt im Grab liegen würde. Die hohe Kindersterblichkeit wurde erst durch zwei wichtige Erneuerungen besiegt: Kanalisation und Impfstoffe. Pocken, Polio, Dyphterie sind Krankheiten, an denen früher Millionen von Menschen erkrankt und viele verstorben sind, vor allem Kinder. Heute gilt Pocken als ausgerottet und Polio und Dyphterie als fast besiegt.
Noch einmal, wir genießen die Früchte dieser Anstrengungen. Wir genießen den Komfort oder einfach die Tatsache, dass wir aufgrund mancher von diesen Erfindungen überhaupt am Leben sind. Ich gehe davon aus, dass die meisten Erfinder und Wissenschaftler, die dahinterstanden, keine Christen waren. D.h., in der säkularen Welt sehen wir, wie Menschen immer und immer wieder Großartiges leisten und herausragende Lösungen auf große Probleme finden. Wir sollten dankbar für ihre Errungenschaften sein.
Leider haben wir Christen aber nicht unbedingt den Ruf, offen zu sein für wissenschaftliche Erneuerungen. Hier sind ein paar Beispiele. Ende März hatten die allermeisten westlichen Länder verstanden, dass die Coronavirus-Pandemie ein ernsthaftes Problem ist. Zu diesem Zeitpunkt ist in der New York Times ein Artikel erschienen, in welcher die christliche Rechte für ihre antiwissenschaftliche Haltung kritisiert wurde. Der Titel des Artikels lautete: „die wissenschaftsfeindliche Haltung religiösen Rechten lähmt unsere Antwort auf die Coronakrise.“ In dem Artikel kritisierte die Autorin unter anderem Pastoren, die sich weigerten, den Ernst der Lage anzuerkennen und sich weiterhin persönlich zum Gottesdienst versammelten.
Der Großteil der Christen in Deutschland glaubt, dass Adam und Eva vor weniger als 10.000 Jahren erschaffen wurden. Viele halten die Evolutionstheorie für ideologischen Unfug im Deckmantel der Wissenschaft. Viele Christen glauben auch nicht an den von Menschen verursachten Klimawandel. Wie die meisten von euch wissen, habe ich was diese Themen angeht einen anderen Standpunkt. Ich kann niemanden von euch vom Gegenteil überzeugen. Aber aufgrund vom heutigen Text möchte ich gerne dazu einladen, eine größere Offenheit für das zu haben, was Menschen mit oder ohne Gott vollbringen. Und wir Christen sollten die ersten sein, die eine intellektuelle Neugier haben, den Indizien dorthin zu folgen, wohin sie uns leiten.
Der erste Punkt ist: seit jeher sind Menschen zu großartigen Errungenschaften in der Lage.

Zweitens, worin wir versagt haben
Wir finden einen Hinweis in den Versen 23 und 24 für das völlige Versagen der Menschheit: „Und Lamech sprach zu seinen Frauen:
Ada und Zilla, höret meine Rede,
ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage:
Einen Mann erschlug ich für meine Wunde
und einen Jüngling für meine Beule.
Kain soll siebenmal gerächt werden,
aber Lamech siebenundsiebzigmal.“
Diese Verse sind vermutlich eine Art Lied. Wir sehen hier ein Musterbeispiel für hebräische Poesie (Parallelismen). Diese Verse zeigen uns, dass Lamech vor allen Dingen ein barbarischer und gewalttätiger Mensch war. Aus anscheinend geringen Anlässen hatte er Menschen umgebracht. Nicht nur das, er schreckte nicht davor zurück, Jungen, also Kinder, zu erschlagen. Nicht nur das, er brüstete sich sogar damit. Er war auch noch stolz darauf, ein mehrfacher Mörder zu sein. Es zeigt, wie wenig Wert ein Menschenleben für ihn hatte: im Prinzip keinen Wert.
Das weist auf unser Versagen hin. Inwiefern tut es das? Es zeigt, dass trotz aller großen kulturellen und technischen Errungenschaften die Menschen nicht in der Lage sind, ihre eigene Bosheit in den Griff zu bekommen. Hier ist das Revolutionäre an dem, was der Text sagt: ganz egal wie technologisch entwickelt eine Gesellschaft ist, ganz egal wie reich und wohlhabend ein Land ist, ganz egal wie gebildet und kultiviert eine Gemeinschaft ist, Menschen werden niemals in der Lage sein, das Böse zu besiegen. Denken wir zum Beispiel über Reichtum nach: wir haben den Luxus, in einem der wohlhabendsten Länder in der Geschichte der Menschheit zu leben. Der Reichtum hat sicherlich dazu beigetragen, dass Deutschland eines der sichersten Länder der Welt ist. Und trotzdem gibt es immer noch Verbrechen in unserem Land. Trotzdem gibt es Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Rassismus. Trotzdem ist unser Land nicht so großzügig wie es sein sollte. Wir würden alle diese Formen von Bosheit auch dann noch unter uns sehen, wenn unser Land noch reicher wäre.
Oder man könnte meinen, dass Bildung hilft, die Bosheit zu besiegen. Und in der Tat ist Bildung ein wichtiger Faktor dafür, die Gesellschaft gerechter und besser zu machen. Keine Frage. Und trotzdem liegt unser Versagen nicht darin begründet, dass wir zu wenig Bildung haben oder zu wenig wissen. Unser Versagen liegt nicht darin, dass wir nicht wissen was gut und böse ist. Lamech hatte ein ziemlich klares Verständnis davon, dass Mord böse ist. Lamech wusste, dass es ein moralisches Gebot gab, unter dem Mord verboten war. Es war ihm nur schlichtweg egal.
Was stellen wir dann fest? Städtebau, Viehzucht, Musik und Schmiedehandwerk führten zu großen Veränderungen und Verbesserungen unserer Umgebung. Aber die Umgebung ist nicht das eigentliche Problem des Menschen. Das Problem der Bosheit sind wir selbst. Das Problem der Sünde ist tief in unseren Herzen verwurzelt. Das Problem der Bosheit ist so tief in uns verankert, dass wir selbst dann Verbrechen begehen würden, wenn wir in einer absolut perfekten und heilen Welt leben würden. Als gefallene Menschen würden wir auch dann noch sündigen, wenn wir im absoluten Paradies sind. Und das macht uns zu hoffnungslos widersprüchlichen Wesen. D.A. Carson sagte: „Wir Menschen sind uns selbst ein Rätsel. Wir sind rational und irrational, zivilisiert und grausam, fähig zu tiefer Freundschaft und mörderischer Feindschaft, frei und gefangen, der Höhepunkt der Schöpfung und die größte Gefahr für dieselbe. Wir sind Rembrandt und Hitler, Mozart und Stalin, Antigone und Lady Macbeth, Rut und Isabel. ‚Was für ein Kunstwerk’, sagt Shakespeare über die Menschen. „Wir sind sehr gefährlich“, schreibt Aurthur Miller in Nach dem Sündenfall.“ Und das sind wir.
Die Tatsache, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, das Problem unserer Bosheit in den Griff zu bekommen, weist auf etwas noch Größeres hin. Wir sind nicht in der Lage den Tod zu überwinden. Und vor allem sind wir nicht in der Lage, durch unsere Anstrengungen Gott selbst zu finden. Im Jahr 410 wurde das „ewige und unbesiegbare“ Rom von Alarich I, König der Westgoten, erobert und geplündert. Die Eroberung Roms war ein riesiger Schock. Bald wurden Stimmen laut, die behaupteten, dass Rom nur deshalb gefallen war, weil das Christentum zur Staatsreligion geworden war. Viele wollten zurück zu den römischen Göttern. Als Antwort auf diese Anschuldigung schrieb Augustinus sein größtes Werk: „De Civitate Dei“. Im deutschen wird der Titel übersetzt als „Der Gottesstaat“. Ich finde die Übersetzung „die Stadt Gottes“ besser. Es ist ein Mammutwerk. Augustinus sagt, dass es auf der einen Seite die irdische Stadt gibt und auf der anderen Seite die Stadt Gottes. Stephen Surh hat das ganze Buch gelesen (je nach Ausgabe sind das um die 1,400 Seiten). Seine Zusammenfassung von dem ganzen Werk war folgende: alle menschlichen Leistungen, alle menschlichen Errungenschaften in allen Bereichen, egal ob Politik, Religion, Philosophie etc. sind unzureichend, um Gott zu erfassen. Die Stadt Gottes ist unerreichbar für die irdische Stadt.
Und das ist es, was wir von Kains Stammbaum lernen können. Trotz aller Errungenschaften schaffen wir es nicht, das Böse zu bezwingen und Gott zu finden.

Drittens, was Gott für tut
Wir finden mindestens drei Hinweise auf das, was Gott tut. Am Ende von Kapitel 4,26 lesen wir: „Zu der Zeit fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.“ Die Menschen damals fingen an zu beten. Allein die Tatsache, dass das hier Erwähnung findet, zeigt, dass die Menschen nicht in den luftleeren Raum hinein gebetet haben. Die Menschen beteten, und Gott ließ sich von den Menschen finden.
Wir finden einen weiteren Hinweis in Kapitel 5,22-24. Diese Verse handeln von meinem Namensgeber. Wenn wir die Stelle über Henoch mit den Versen vorher und nachher vergleichen, stellen wir fest, wie sehr er aus der Reihe tanzt. Über die Ahnen vorher und nachher heißt es: „Person wurde X Jahre alt und zeugte Sohn und lebte danach X Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward X Jahre, und starb.“ Über Henoch heißt es: „Henoch war 65 Jahre alt und zeugte Metuschelach.“ Jetzt würden wir erwarten, wieviele Jahre er noch lebte. Aber stattdessen lesen wir: „Und Henoch wandelte mit Gott.“ Dann erst folgt die Angabe wie lange er noch lebte und dass er Söhne und Töchter zeugte. Vers 23 sagt: „dass sein ganzes Alter ward 365 Jahre.“ Hier müsste jetzt eigentlich stehen, dass er starb. Stattdessen heißt es: „Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.“ Danach geht es im Stammbaum weiter wie vorher.
Eine Sonntagsschullehrerin hatte die Geschichte von Henoch folgendermaßen zusammengefasst: jeden Tag machte Henoch mit Gott einen Spaziergang. Wenn der Tag sich neigte und es Zeit war umzukehren, fragte Henoch Gott: „Ich muss zurück nach Hause. Kommst du mit?“ Und Gott antwortete: „Okay.“ Irgendwann nach 365 Jahren waren Henoch und Gott wieder spazieren. Als es Zeit war, umzukehren, fragte Henoch wieder: „Ich muss wieder zurück. Kommst du wieder mit zur mir nach Hause?“ Gott antwortete dann: „Die letzten 365 Jahre hast du mich jedes Mal zu dir nach Hause eingeladen. Möchtest du heute vielleicht zu mir nach Hause?“ Henoch antwortete: „Okay.“ Und seitdem ist Henoch bei Gott zu Hause.
Das Wort „wandeln“ drückt eine richtige Freundschaft aus. Bis auf den heutigen Tag ist das „gemeinsam unterwegs sein“ ein Inbegriff für Freundschaft. Ich bin mir sicher, dass jeder von uns dazu Erfahrungen hat. Eine sehr amerikanische Erfahrung ist es, Road Trips zu machen: man ist viele Stunden am Tag im Auto eingeschlossen unterwegs auf nicht enden wollenden Landstraßen oder Autobahnen, unterbrochen von irgendwelchen Dinners. Sam und ich hatten über ein Wochenende einen solchen Roadtrip unternommen: sieben Stunden hin und sieben Stunden zurück. Und wir haben uns fast die ganze Fahrt über unterhalten. So etwas schweißt zusammen.
Hier im Text sehen wir etwas ungleich viel Wunderbareres: ein Mensch wandelt mit Gott. Ein Mensch bekommt das Privileg ein Freund Gottes zu werden, und Gott wird der beste Freund dieses Menschen. Wir haben gesehen, dass trotz aller Errungenschaften, der Mensch Gott nicht erfassen kann. Aber hier lässt sich Gott auf den Menschen ein in inniger, tiefer Gemeinschaft.
Einen dritten Hinweis finden wir in den Versen 28 und 29. Wieder begegnet uns ein Lamech, aber dieses Mal ein ganz anderer Lamech. Er hat einen Sohn. Über diesen Sohn sagt er: „Der wird uns trösten in unserer Arbeit und der Mühsal unserer Hände auf dem Acker, den der HERR verflucht hat.“ Wie wir nächste Woche sehen war Noah auch jemand, der mit Gott wandelte. Und vielleicht brachte Noah etwas Trost. Aber gleichzeitig war auch Noah jemand, der nicht frei von Sünde war.
Hier ist der Punkt: die Freundschaft zwischen Gott und Henoch und der Trost von Noah sind Hinweise auf das, was Gott später tun würde. Die Beziehung dieser Männer mit Gott war so einzigartig, dass Genesis das hervorhebt. Aber es würde der Tag kommen, an dem Gott diese Freundschaft allen Menschen anbietet. In Johannes 15 sagt Jesus seinen Jüngern: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“ Gott vollbringt das, was kein Mensch erreichen konnte. Er wird Mensch und kommt zu uns. In Jesus Christus bietet Gott uns seine Freundschaft an. Jesus ist die Person, auf die Henoch und Noah hinweisen. Wenn wir uns auf diesen Jesus einlassen, wenn wir an diesen Jesus glauben, dann lässt Gott uns eintreten in den Kreis seiner Freunde. Es ist das Größte und das Höchste, worauf sich ein Mensch einlassen kann.
Mein Gebet und mein Wunsch ist, dass unsere Gemeinde eine Gemeinschaft von Menschen sein kann, die mit Gott wandeln. Mein Gebet und mein Wunsch ist, dass jeder einzelne von uns dadurch eine Quelle des Trostes werden kann.

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Fragebogen: 1. Mose 6,1 – 7,24

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Gottes Gericht und Rettung

„Dies ist die Geschichte von Noahs Geschlecht. Noah war ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten. Er wandelte mit Gott.“

(1. Mose 6,9)

  1. Wer ist hier mit „die Gottessöhne“ und „die Töchter der Menschen“ gemeint? Was sagen die Verse 1-4 über die Zeit Noahs (vgl. Lk 17,27)?
  2. Was reute und bekümmerte Gott (5.6)? Was bedeutet es, dass alles Dichten und Trachten der Herzen der Menschen immerdar böse war (vgl. Mk 7,20-23)? Wie wirkten sich ihre bösen Gedanken auf ihr Leben aus (11.12)?
  3. Wozu entschied sich Gott (7.13)? Was können wir hier über Gott lernen?
  4. In welcher Hinsicht unterschied sich Noah von den Menschen seiner Zeit (8.9; 7,1b)? Was war der Inhalt des Bundes, den Gott mit ihm schloss (6,18-21)? Was war der Ausdruck von Noahs Glauben (6,22; 7,5.9.16; Hebr 11,7)?
  5. Wie ging Noah in die Arche (6,16-22; 7,1-10; 7,13-16)? Wie kamen die Tiere in die Arche (15.16)?
  6. Wie lange fiel Regen (12.17)? Wie lange überfluteten die Wasser die Erde (24)? Was lernen wir durch dieses Ereignis über Gott?

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Fragebogen: 1. Mose 4,17 – 5,32

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Kains Nachkommen und Sets Nachkommen

„Zu der Zeit fing man an, den Namen des Herrn anzurufen.“

(1. Mose 4,26b)

  1. Weshalb mag Kain eine Stadt gebaut haben, nachdem er weg von Gott nach Nod gezogen war (17)? Warum benannte er sie nach seinem Sohn?
  2. Was zeigt Vers 19 über Lamech? Was erfahren wir über Lamechs Söhne (20-22)? Wie missbrauchte Lamech Gottes Tat des Erbarmen gegenüber Kain für sich selbst (15.23.24)?
  3. Wie betrachtete Eva die Geburt von Set (25)? Was taten Set und seine Nachkommen nach der Geburt von Enosch und was bedeutet das (26; 12,8)?
  4. Warum beginnt mit Kap. 5,1 wohl ein neues Geschlechtsregister? Was fällt dir beim Vergleich von Vers 1 und Vers 3 auf?
  5. Was erfahren wir in den Versen 21-24 über Henoch? Was bedeutet es, dass er mit Gott wandelte (6,9; vgl. Judas 1,14.15, Hebr 11,5)? Sowohl Kains Nachkomme Lamech als auch Henoch sind von Adam aus die 7. Generation. Vergleiche die beiden miteinander.
  6. Wie litt Lamech und was war seine Sehnsucht (29)? Beide Lamech werden wörtlich zitiert (4,23.24; 5,29). Wie unterschiedlich gingen sie mit dem Fluch Gottes um? Was kannst du hier über die Entwicklung der Nachkommen von Kain und von Set lernen?

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Predigt: 1. Mose 4,1 – 16

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Du aber herrsche über sie

„Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor er Tür, und nach dir hat sie Verlangen, du aber herrsche über sie.“

(1. Mose 4,7)

Letzte Woche haben wir die unmittelbaren Folgen der Sünde der ersten Menschen betrachtet. Als sie Gottes Gebot brachen und von dem verbotenen Baum aßen, wurden sie nicht allwissend wie Gott, sondern von Schamgefühl und Schuld erfüllt. Durch ihre Sünde verloren sie ihre von Liebe und Vertrauen geprägte Beziehung zu Gott und versteckten sich vor ihm aus Angst. Ihre liebevolle Beziehung untereinander wurde durch Scham und Schuldzuweisungen vergiftet. Als Strafe für ihre Sünde wurde Gottes Segen, mühelos Kinder bekommen und als Verwalter des Gartens Gott dienen zu können, beschnitten bzw. zurückgenommen. Sie mussten das Paradies verlassen und ihr Leben lang hart arbeiten, bis sie sterben würden.

Im heutigen Text erfahren wir, wie sich die Sünde weiter ausgewirkt und schon in der nächsten Generation zu Gottlosigkeit, Hass und Mord geführt hat. Der Text enthält aber auch eine gute Botschaft. Lasst uns am Beispiel von Kain die Lage des Menschen unter der Sünde neu begreifen. Lasst uns auch die gute Botschaft im Text entdecken und sie beherzigen!

Betrachten wir den Vers 1: „Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn.“ Gott hatte den Segen der Fruchtbarkeit für die Frau eingeschränkt, aber nicht weggenommen. Eva wurde schwanger und gebar einen Sohn und nannte ihn Kain. Ihr Bekenntnis nach der Geburt: „Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn“, zeigen Evas Dankbarkeit gegenüber Gott; Kain bedeutet „bekommen“ oder „gewonnen“. Ihre Dankbarkeit wird noch verständlicher wird, wenn wir bedenken, dass sie als erste Frau in der Geschichte ein Kind zur Welt gebracht hat. Manche Ausleger sehen in Evas Bekenntnis aber auch die Hoffnung angedeutet, dass ihr Sohn der verheißene Nachkomme wäre, der der Schlange den Kopf zertreten und sie von ihrem Schicksal unter der Sünde befreien würde. Aber das war nicht der Fall. Danach gebar Eva einen weiteren Sohn und nannte ihn Abel, was „Hauch“ oder „Nichtigkeit“ bedeutet. Dieser Name drückt ihre Enttäuschung und ihre Verzweiflung über die Nichtigkeit ihres Lebens aus, nachdem sie das Paradies verlassen hatten. Abel wurde ein Schafhirte und Kain ein Ackerbauer.

Was wir von ihrem Leben erfahren, ist ein ganz bestimmtes, tragisches Ereignis. Betrachten wir die Verse 3 und 4a: „Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.“ Kain und Abel brachten Gott Opfer. Wir erfahren nicht, wie sie darauf kamen, Gott ein Opfer zu bringen. Wenn wir den Text weiter betrachten, sehen wir, dass Gott ihre Opfer ernst nahm und darauf antwortete. Daraus können wir schließen, dass Gott selbst den Menschen irgendwie offenbart hatte, dass sie durch Opfer zu ihm kommen konnten. Schon als Adam und Eva sich gegen Gott versündigt hatten, machte Gott ihnen Kleider aus Fellen und zog sie ihnen an. Dafür musste das Blut unschuldiger Tiere vergossen werden. Dadurch müssen wurde das Prinzip sichtbar, dass der Mensch nach dem Sündenfall durch das Blut von Tieren vor Gott stehen konnte.

Wenn wir den den Text genau betrachten, können wir einen Unterschied in der Qualität ihrer Opfer feststellen. Während Kain „von den Früchten des Feldes“ darbrachte, opferte Abel Gott „von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett“. Kain brachte irgendwelche Feldfrüchte. Aber Abel wählte die besten Tiere und opferte sie und das Fett. Außerdem berücksichtigte er bei seinem Opfer, was Gott durch das Töten der Tiere seinen Eltern offenbart hatte.

Wie betrachtete Gott jeden von ihnen und ihre Opfer? Die Verse 4b und 5a sagen: „Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.“ Gott nahm Abel und sein Opfer an, aber Kain und sein Opfer nicht. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Gott Kain willkürlich diskriminiert hätte. Aber das ist nicht wahr. Hebräer 11,4a sagt: „Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; deshalb wurde ihm bezeugt, dass er gerecht sei, da Gott selbst es über seinen Gaben bezeugte.“ Abels Opfer war besser als Kains, nicht nur, weil Abel durch das Blut des Opfers zu Gott kam, sondern weil er durch persönlichen Glauben zu Gott kam. Vor dem heiligen Gott sind ausnahmslos alle Menschen Sünder. Auch Kain und Abel konnten ohne Sündenvergebung nicht vor Gott stehen. Als Abel mit seinem Opfer zu Gott kam, glaubte er, dass Gott ihn annehmen und ihm vergeben würde, nicht durch seine Gerechtigkeit, sondern durch das für seine Sünde vergossene Blut. Er vertraute auf Gottes Erbarmen. Deshalb sah Gott ihn und sein Opfer gnädig an und bezeugte, dass Abel durch Gottes Vergebung gerecht war. Gott konnte Kain und sein Opfer nicht gnädig ansehen, weil er bei Kain solchen Glauben offenbar nicht finden konnte.

Wie reagierte Kain? Vers 5b berichtet: „Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.“ Die Tatsache, dass Gott sein Opfer nicht gnädig ansah, war eigentlich eine Botschaft Gottes an ihn. Es war für Kain eine Gelegenheit, über sich selbst, sein Leben und seine Haltung gegenüber Gott nachzudenken. Dadurch sollte er sich selbst vor Gott erkennen, von seinem von Gott entfernten Leben umkehren und seine Beziehung zu Gott erneuern. Doch stattdessen ergrimmte Kain und senkte finster seinen Blick. Das verrät, dass es in ihm sündige Gefühle wie Neid, Zorn und Hass gab. Anstatt dass er den Fehler bei sich selbst suchte und seine verkehrte Haltung gegenüber Gott erkannte, dachte er offenbar, dass Gott ungerecht sei. Aber Gott ist heilig und gerecht, und er hatte nach seiner absoluten Souveränität gehandelt. Das Problem war, dass Kain es ablehnte, die Souveränität Gottes anzuerkennen. In seiner Haltung war Rebellion und keine Gottesfurcht zu sehen. Gott muss ihn schon seit langem mit Geduld ertragen und ihm schon mehrfach Gelegenheiten zur Umkehr gegeben haben. Als Kain auf Gottes Handeln hin nun ergrimmte und Gottes Souveränität ablehnte, hätte Gott ihn aufgeben und für immer bestrafen können. Aber Gott behandelte sogar diesen Mann weiter mit göttlicher Geduld und Liebe. Gott ging ihm nach und sprach ihn an: „Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben.“ Gott wollte Kain nicht in seinem dunklen Zustand lassen und ihn in sein Unglück rennen lassen. Gott sprach ihn an, damit er sich selbst prüfen und erkennen konnte, dass er nicht fromm war. Er sollte von seiner stolzen Haltung Gott gegenüber und von seinem Zorn auf seinen Bruder umkehren. Gott forderte ihn indirekt dazu auf, fromm zu sein.

Dabei warnte Gott ihn klar vor der Sünde: „Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“ Die Sünde ist hier wie ein brüllender Löwe beschrieben, der seine Beute packen, zerreißen und fressen will. Als Gott sagte: „du aber herrsche über sie“ (7b), gab Gott ihm dafür die entscheidende Anweisung. Kain sollte über die Sünde herrschen, die darauf lauerte, sein Herz zu erobern, sonst würde er selbst von ihr beherrscht werden. Für ihn war es unbedingt nötig, dass er auf Gottes Ermahnung hört.

Wie handelte Kain aber, nachdem er Gottes Wort gehört hatte? Vers 8 berichtet: „Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“ Kain ignorierte Gottes Warnung völlig. Er lockte Abel aufs Feld und schlug ihn tot. Kain brachte Abel vorsätzlich und hinterlistig um, obwohl er sein eigener Bruder war. Alles hatte klein angefangen, nämlich mit dem Gefühl von Neid und Zorn. Solche Gefühle müssen einen Menschen nicht zwingend zu einem Mord treiben. Aber weil Kain nicht über sein sündiges Gefühl herrschte, wurde er schnell von von der Sünde beherrscht.

Wie behandelte Gott Kain? Eigentlich hatte Kain mit seinem vorsätzlichen Mord die Todesstrafe verdient. Aber stattdessen kam Gott noch einmal zu ihm. Gott fragte ihn: „Wo ist dein Bruder Abel?“ (9a) Natürlich wusste Gott, was passiert war. Aber Gott gab ihm mit dieser Frage die Gelegenheit, seine Sünde vor Gott zu bekennen. Das wäre der erste Schritt zur Buße gewesen. Aber Kain antwortete: „Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (9b) Kains Antwort enthüllt seine freche Haltung gegenüber Gott. Sie zeigt auch seine gleichgültige Haltung gegenüber seinem Bruder. Hier erkennen wir, wie gottlos Kain geworden war! Er weigerte sich Buße zu tun und war nicht einmal bereit, seine Tat vor dem lebendigen Gott zuzugeben.

Aber Gott war keineswegs hilflos. Gott sagte zu Kain: „Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ Gott konfrontierte ihn mit der Wahrheit. Gott hatte alles gesehen. Gott übersieht insbesondere unschuldig vergossenes Blut nicht. Da Kain seinen Bruder ermordet hatte und nicht bereit war, davon umzukehren, bestrafte Gott ihn: „Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden“ (11.22). Gottes Strafe war für so einen Mörder mild. Aber Kain klagte trotzdem über seine Strafe: „Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet“ (13.14). Das zeigt etwas über Kains Innerlichkeit. Nachdem er seinen Bruder getötet hatte, kam ganz unerwartet in ihm die Angst auf, dass ihn nun jeder, der ihn sieht, umbringen könnten. Seine Seele wurde von Todesangst gequält.
Obwohl Kain wirklich so sehr gegen Gott sündigte, ging Gott auf sein Anliegen ein und sagte: „Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden.“ Gott machte an Kain ein Zeichen, durch das jeder verstehen konnte, dass ihn niemand erschlagen durfte. Gott hasste Kains Sünde, aber Gott liebte Kain und zeigte Mitleid mit ihm. Aber auch das konnte Kain nicht dazu bewegen, zu Gott umzukehren. Vers 16 sagt: „So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ Kain blieb bei seiner Haltung, Gott und ein Leben unter seiner Herrschaft abzulehnen. Er zeigte weder Reue für seinen Mord noch Dankbarkeit für Gottes Erbarmen mit ihm. Es heißt nicht nur, dass er ins Land Nod zog („Wandern“), sondern dass er vom Angesicht des Herrn hinwegging. Das heißt, dass er Gott verließ und Schritte machte, um als Atheist zu leben.

Die Bibel beschreibt uns mit Kain eine Art Prototyp eines Sünders, der Gottes Souveränität über sich ablehnt, der nicht auf Gott hören wollte und dessen ganzes Leben deshalb von der Sünde beherrscht und gezeichnet wurde. Wenn wir nächste Woche auch den nächsten Abschnitt betrachten, sehen wir, dass nicht nur Kain selbst, sondern auch seine Nachkommen auf diese Weise von Gott getrennt – gott-los – lebten. In diesem Sinn ist Kains Geschichte eine traurige und entmutigende Geschichte. Tatsächlich ist Kain aber ein Beispiel für die Mehrheit der modernen Menschen, die Gottes Souveränität über ihr Leben ablehnen und sogar seine Existenz leugnen und nicht bereit sind, auf sein Wort zu hören. Sie basteln sich ein eigenes Lebenskonzept und wandern innerlich ruhelos auf dieser Welt umher, auch wenn sie sich Häuser bauen und so versuchen, ihr Leben irgendwie abzusichern. Ohne Gottes Wort haben sie keine Kraft, um über die sündige Gedanken und Neigungen in ihrem Herzen ausreichend zu herrschen. Auch wenn die meisten durch die Moral krasse Gewalttaten wie Mord in ihrem Leben vermeiden können, leiden viele im Herzen unter Begierden, Neid, Hass und Bitterkeit, und machen gewollt oder ungewollt anderen das Leben schwer. Viele können ihre Aggressionen nicht unterdrücken und zerstören Beziehungen zu ihren Nächsten oder sogar ihr Leben.

Aber in dieser Geschichte gibt es auch eine gute Nachricht: Gott ging Kain nach. Obwohl Gott sah, wie schlimm Kains Herzenshaltung war, wollte Gott ihn nicht einfach in die Sünde laufen lassen. Gott ging ihm nach und sprach ihn mehrmals an, damit er die Gelegenheit bekam, seine Beziehung zu Gott als verkehrt zu erkennen und zu Gott umzukehren. Gott wollte verhindern, dass die Sünde mit ihrer ganzen Wucht in Kains Herz eindringt und sein Leben elend macht. Gott sagte durch den Propheten Hesekiel: „So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe“ (Hes 33,11a). Gott geht den sündigen Menschen nach und spricht sie an, um sie zur Umkehr zu bewegen. Das ist eine gute Nachricht.

Gott ist auch uns nachgegangen. Er hat uns angesprochen, als wir in ganz verkehrten Gedanken ganz verkehrt lebten und fern von ihm waren. Er geht uns auch heute noch nach. Er spricht uns an, um uns auf unser geistliches Problem aufmerksam zu machen und uns zu helfen, für unsere Sünde Buße zu tun und unsere Beziehung zu ihm zu erneuern. Auch wenn wir an Jesus glauben, sind wir immer noch anfällig für Sünde. Wir können uns uns immer wieder dabei ertappen, dass wir andere beneiden, dass wir Dinge oder Menschen begehren, oder dass wir sogar so hochmütig und rebellisch sind, dass wir nicht auf Gott hören, zum Beispiel dann, wenn unser Leben gar nicht nach unseren Erwartungen läuft. Gerade in Krisenzeiten oder Anfechtungen zeigt sich, inwieweit es uns wirklich um Gott geht und wie viel immer noch um uns selbst; dann zeigt sich, inwieweit wir in uns immer noch den Wunsch haben, über unser Leben selbst zu bestimmen und so zu leben, wie wir wollen, statt nur nach Gottes Willen und für seinen Namen zu leben. Aber was unsere Lage auch sein mag, was auch gerade droht, unser Herz zu erobern, Neid, Zorn, Wut, Frustration oder Rebellion – Gott geht uns nach und spricht uns an. Gott will verhindern, dass die Sünde unser Herz erobert und es beherrscht und uns von ihm trennt und unser Leben elend macht. Gott will, dass auch wir über die Sünde herrschen, damit wir weiter Gott und seinem Willen folgen können.

Und hier kommt ein großer Unterschied zur Geschichte von Kain. Gott gibt uns nicht nur eine Ermahnung wie dem Kain. Wenn Gott zu uns sagt: „Du aber herrsche über sie“, hat seine Aufforderung eine viel bessere, stärkere Grundlage. Denn Gott hat uns das ganze Evangelium gegeben, das die Kraft hat, das Problem unserer Sünde in unserem Herzen bei der Wurzel zu packen und uns von dem sündigen Verlangen zu reinigen. Denn Gott gab uns seinen Sohn, der all unsere Bosheit und Sünde auf sich genommen und am Kreuz dafür bezahlt hat, um uns von allem falschen und bösen Verlangen in uns zu reinigen und uns zu befähigen, ihm nachzufolgen! Gottes Wort an Kain hatte schon genug Kraft, um ihn davon abzuhalten, aus Neid und Hass seinen Bruder umzubringen, wenn Kain das Wort im Herzen angenommen hätte. Aber Gottes Wort vom Evangelium hat noch viel mehr Kraft. Wenn wir, gerade in Zeiten der Anfechtung, darauf hören und auf Jesus sehen, der unsere Sünde auf sich genommen und am Kreuz bezahlt hat, werden wir von allem sündigen Verlangen frei und bekommen die Kraft, Jesus mit Dankbarkit, Freud und Kraft nachzufolgen. Dazu ist es entscheidend, dass wir auf Gottes Wort hören. Möge Gott uns helfen, immer auf Gottes liebevolle Ermahnung zu hören, unseren Blick auf Jesus am Kreuz zu lenken und ihm zu folgen, damit wir über die Sünde herrschen und Jesus und seine heilsame und rettende Kraft neu und immer tiefer erleben können! Möge Gott uns helfen, anderen die in Not sind, nicht nur mit menschlichen Worten, sondern mit Gottes Wort zu helfen, damit sie in der Krise nicht fallen, sondern Gott und seine tief umgreifende Hilfe erfahren können! Amen!

Lesen wir noch einmal das Leitwort: „Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen, du aber herrsche über sie.“

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